Als Prozessbegleitung des Projekts „Ganztag und Raum“ für den Pilotstandort Lüdenscheid geben Hanne Banduch und Karolin Kaiser vom büro luchterhandt & partner Einblicke in den partizipativen Prozess und veranschaulichen das daraus erarbeitete integrierte Nutzungskonzept. Anhand des entwickelten Farb- und Möblierungskonzepts zeigen sie, wie eine veränderte Möblierung die neuen Raumkonzepte unterstützt und qualitative und vielfältige Lernsettings ermöglicht.
Ganzheitlicher Ansatz: Organisation, Pädagogik und Raum
Das Projekt „Ganztag und Raum“ verbindet die drei Säulen des Startchancen-Programms: Gemeinsam mit dem multiprofessionellen Team (Säule III) werden im Rahmen eines vorgeschalteten pädagogischen Entwicklungsprozesses (Säule II) die räumlichen Bedarfe (Säule I) ermittelt.
Weitere Informationen:
Blogbeitrag: Ein Jahr Startchancen-Programm
Projekt: Ganztag und Raum
Veranstaltungsreihe: Startchancen Säule I im Gespräch
Rückblick: Startchancen Säule I im Gespräch - Zukunftsgerichtete Lernräume im Bestand
Ausgangslage: Schule im 21. Jahrhundert
Um ein ganzheitliches Konzept für die Möblierung von Schulen zu entwickeln, braucht es zunächst ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten von (Ganztags-)Schule im Wandel: Angesicht einer sich verändernden Lebens- und Arbeitswelt bereitet Schule mehr denn je auf eine unbekannte Zukunft vor, mit Berufen, die wir zum Teil noch nicht kennen. Das, was Kinder heute lernen, um auf die Zukunft gut vorbereitet zu sein, richtet sich somit weniger auf die reine Wissensvermittlung, sondern Kompetenzen, wie sie im 4- bzw. 6-C-Modell des Lernens im 21. Jahrhundert (vgl. New Pedagogies for Deep Learning by Michael Fullan, Geoff Scott, OECD Lernkompass 2023) zusammengefasst sind: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität, Kritisches Denken, Demokratie- und Persönlichkeitsbildung. Dies erfordert andere pädagogische Formen des Lernens und Arbeitens. Deshalb lautet die Ausgangsfrage: Was braucht es für eine lernförderliche Umgebung – und welche Anforderungen stellt dies an die Möblierung?
Der Prozess: Anforderungen an den Lern- und Lebensraum über den ganzen Tag
In dem gemeinsamen Prozess wird durch das multiprofessionelle Team, Kinder, Eltern, Schulträger, Schulaufsicht und Bauverwaltung eine kindgerechte Rhythmisierung des Ganztags erarbeitet, die formales, non-formales und informelles Lernen verbindet. Hierbei werden die pädagogischen Bedarfe und Aktivitäten zusammengefasst, die die Anforderungen an den Raum (s. Zukunftsgerichtete Lernräume im Bestand) und an die Möblierung definieren (weitere Informationen zum Planungsthema Möblierung bei Schulbau Open Source). Ebenfalls werden Fragen zur Ausführung abgewogen, u. a. welche Sitz- und Tischhöhe für die unterschiedlichen Funktionen sinnvoll sind bzw. inwieweit Möbel mit Fußrasten zum Einsatz kommen. Dies ist insbesondere in Bereichen zu diskutieren, die von der gesamten Schulgemeinschaft genutzt werden (u. a. Mensa).
Als Hauptnutzer*innen und Expert*innen vor Ort werden die Kinder im Prozess beteiligt und reflektieren die verschiedenen Orte. Im Workshop erforschen sie, was sie für verschiedene Aktivitäten wie entspannen, lesen, zuhören benötigen und in welcher Position dies am besten gelingt. Mit dem Ergebnis: nur selten braucht es Stuhl und Tisch!
Flächenorganisation: Jahrgangscluster mit Nutzungsbereichen
Grundlage der veränderten Raumnutzung bilden die Neustrukturierung der Flächen des denkmalgeschützten Gebäudes sowie ein Zugewinn an pädagogisch nutzbarer und frei möblierbarer Fläche durch ein verändertes Brandschutzkonzept (siehe Schwerpunkt der kommenden Veranstaltung „Veränderte Brandschutzkonzepte in Bestandsgebäuden“). Geringe Umbaumaßnahmen und Eingriffe in den Bestand schaffen Sichtbezüge, die Glaselemente dienen zudem als Sitznischen.
Die Jahrgangscluster bilden die Bedarfe über den ganzen Tag ab mit Elementen für Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Input, Bewegung und Rückzug. Neben den Grundelementen gibt es in jedem Jahrganscluster besondere Themenbereiche mit entsprechender Ausstattung (Forschen, Kunst, Bewegung, Musik ...), die der gesamten Schulgemeinschaft zur Verfügung stehen.
Verschiedene Settings: Möblierung für das neue Raumkonzept
Die Jahrgangsbereiche sind nicht mehr klassisch möbliert, nicht jedes Kind hat einen eigenen Tisch und Stuhl (in Anlehnung an das „Churer Modell“). Die veränderte Möblierung ermöglicht verschiedene Aktivitäten und bildet vielfältige Lernsettings und Rückzugsmöglichkeiten:
Der Inputbereich bildet Heimat und Treffpunkt einer Lerngruppe, ist durch einen Teppich zoniert und lässt sich durch einen Vorhang visuell abgrenzen. Die Bank unter dem Display bietet zudem Stauraum.
Arbeitsplätze gibt es überall im Cluster verteilt: auf den Bänken, an Tischen, in den Lernhäusern und auch an den erweiterten Fensterbänken in verschiedenen Höhen. Diese finden sich auch in der Bibliothek, die gleichzeitig Begegnungsraum ist.
Rückzugsmöglichkeiten werden von den Kindern aktuell am meisten vermisst. Diese werden unter anderem durch Lernhäuser und Nischen entlang der Fensterseite ermöglicht, in denen man allein oder in der Gruppe arbeiten oder lesen kann.
Leise Orte für Ruhe und Entspannung, ruhiges Lesen und Lernen, konzentrierte Gruppen- oder Partnerarbeit, aber auch für Rückzug und Versteck oder Gespräche finden sich in abgetrennten Raumboxen (Think Tanks), der Sitztreppe und dem darüberliegenden „Nest“. Im Altbau wurde hierzu die hohe Raumhöhe für Raum-in-Raum-Orte und eine zweite Ebene genutzt. Alternativ wurde ein modulares Möbel entwickelt, mit dem sich Raumbereiche abtrennen lassen.
Das Labor ermöglicht Experimente und Forschen. Die danebenliegenden Sitzstufen laden zum Präsentieren und Klettern ein.
Auch außerhalb der Sporthalle sind Bewegungsangebote im Gebäude integriert. Etwa Bodenmarkierungen als Bewegungsanreize, aber auch Bewegungshäuser mit Hängematten zum Spielen und Entspannen, Kletterwände, Matten und Sprossenwände.
Lagermöglichkeiten sind verteilt im Cluster für gemeinsam genutzte Materialien, aber auch persönliche Kisten als Eigentumsfächer für die individuellen Lern- und Arbeitsmaterialien, sowohl für die Kinder als auch das multiprofessionelle Team. Entlang mancher Innenwände befinden sich Schrankwände zum Lagern und Sitzen mit Durchblicken zum benachbarten Raum und gepolsterte Sitznischen.
Die Garderoben entlang der Wege sind hinsichtlich der Abläufe, Dimensionen und Einteilung gut organisiert, bieten Ablageort für Ranzen, Schuhe und Jacken und halten somit die Lernbereiche frei.
Das Prinzip der verschiedenen Angebote wird auch in der Mensa angewandt. Hier werden durch eine durchdachte Wegeführung und effiziente Abläufe verschiedene Essenseinnahmesituationen möglich – ruhiger oder kommunikativ, separat oder in Gemeinschaft, drinnen und, dank eines neuen Atriums, auch draußen.
Wie im Startchancen-Programm angedacht, wird zudem der Außenraum als Lern- und Pausenbereich ausgestattet. Zonierte Flächen schaffen Abwechslung, verschiedene Materialien, befestigte und unbefestigte Bereiche (Beete, Rasen, Asphalt, Rindenmulch, Sand …) und Mobiliar (Kletterbereiche, Sitzmöbel, Rückzugsorte wie Weidenzelte, Baumbänke …) ermöglichen Spiel, Bewegung, Erholung und Rückzug.
Sowohl innen als auch außen werden bestehende Möbel und Materialien in das Gesamtkonzept mit einbezogen und zunächst inventarisiert, zugeordnet und ggf. aufbereitet (z. B. in einer einheitlichen Farbe gestrichen).
Zusammen mit einem übergreifenden Farb- und Materialkonzept erzeugt die neue Möblierung Atmosphäre, Ruhe und Identität der Lernumgebungen. Dies unterstützt bei den Nutzer*innen das Verantwortungsbewusstsein für den umgebenen Raum und die Ausstattung.
Erste Schritte: Umsetzung als Prozess
Die Schule testet das erarbeitete Konzept parallel zur baulichen Umsetzung und die gesamte Fläche wird bereits durch das multiprofessionelle Team genutzt. Insbesondere die gemeinsame Lernreise hat Möglichkeiten aufgezeigt und dazu inspiriert, sich in kleinen Schritten den Neuerungen anzunähern.
Schon durch eine veränderte Organisation des bestehenden Mobiliars können im laufenden Prozess Räume anders genutzt und die Bedarfe und Maßnahmen getestet und evaluiert werden. So wird z. B. ein gemeinsames Teamzimmer für Austausch, Vorbereitung, Begegnung und Erholung umgestellt und durch ein Sofa ergänzt und schafft somit auf schnellem Weg Platz für das gesamte multiprofessionelle Team. Durch ein gemeinsames Leitungsbüro wird ein Büro frei für einen zusätzlichen Besprechungsraum.
Entsprechend des „Churer Modells“ werden Klassenräume umgestellt und im Gebäude verteilt neue kleine Arbeitsplätze eingerichtet. Im Betrieb wird dies getestet und im Team evaluiert, überabeitet und erst dann auf die gesamte Schule übertragen.
Fazit: ein Angebot an Möblierungssettings für verschiedene Aktivitäten
Begreift man Schule als Lern- und Lebensort, bilden die veränderten Bedarfe und Aktivitäten neue Anforderungen an die Möblierung. Durch eine fachliche Begleitung werden in einem Prozess die Bedarfe ermittelt und in ein ganzheitliches Farb- und Möblierungskonzept übertragen.
Wird das gesamte Gebäude über den Tag genutzt und nach Funktionen und Aktivitäten strukturiert, braucht es unterschiedliche Möblierungssettings und Situationen. Nicht jedes Kind braucht einen eigenen Stuhl und Tisch, aber vielfältige wählbare Angebote und gemütliche Rückzugsorte.
Ganztag und Raum
Der gesamte Prozess und das integrierte Nutzungskonzept zum Pilotprojekt Bremen und den weiteren vier „Ganztag und Raum“-Standorten Ulm, Jork, Lüdenscheid und Mülheim an der Ruhr sind hier umfangreich dokumentiert.
Veranstaltungshinweis: "Startchancen Säule I im Gespräch"
Alle Informationen zur Veranstaltungsreihe gibt es hier. Kommende Themen:
23. April 2026 „Veränderte Brandschutzkonzepte in Bestandsgebäuden“ mit Prof. Dr.-Ing. Dirk Lorenz