Mit dem Pilotprojekt SOS Nürnberg zeigen wir gemeinsam mit der Stadt Nürnberg und einem exzellenten Planungsteam in einem integrierten Planungsprozess, wie leerstehende Büroimmobilien für eine Schulnutzung mit wenigen baulichen Eingriffen umgebaut werden können.
Nach 14 Monaten kann das interdisziplinäre Planungsteam aus AFF Architekten, POLA Landschaftsarchitekten, IB Hausladen (TGA und Bauphysik), IBC Ingenieure (Brandschutz), Schnetzer Puskas Ingenieure (Tragwerk), Raible & Partner (Elektroplanung) und G4W (Bau- und Raumakustik) die Vorplanung beim Schulbau Open Source Projekt in Nürnberg abschließen.
Das ehemalige Siemens Bürogebäude aus den 1990er Jahren wird weitergedacht. Die Stahlbeton-Skelettstruktur nimmt in ihrer Leistungsfähigkeit die neue Nutzung auf. Die Tragstruktur bleibt bestehen, der Ausbau ist davon getrennt und damit mittelfristig anpassbar. Die inneren Trennwände zum Beispiel werden auf den Estrich gestellt. Die Trennung von Massiv- und Leichtbau lässt eine Veränderung der Nutzung auch in der Zukunft zu. Durch zusätzliche Treppenhäuser entstehen ca. 1000 m² große Nutzungseinheiten, die brandschutztechnisch nicht unterteilt werden müssen und daher eine Umgestaltung der Lernlandschaften und eine vielfältige Nachnutzung ermöglichen.
Low Tech in der Klima- und Haustechnik
Dem geplanten Klima- und Haustechnikkonzept liegt ein Low-Tech-Ansatz zugrunde, der sowohl die Kosten der Erstellung als auch des anschließenden Betriebs reduziert. Gerade die Betriebskosten hochtechnisierter Gebäude belasten die Kommunen neben gestiegenen Baukosten enorm.
Das Gebäude wird über eine Fußbodenheizung beheizt, die pro Cluster geregelt ist. Der Verzicht auf die Einzelraumregelung und eine Aktivierung nur ca. der Hälfte der Clusterflächen in Kombination mit einer leistungsfähigen Fassade ermöglicht die Reduzierung von Kosten auch unter Einhaltung der GEG-Vorgaben. Bei der Lüftungstechnik wird ein hybrides System geplant, das auf Quellluftauslässe und manuelle Fensterlüftung setzt. Die Mischung aus maschineller Lüftung und öffenbarer Fenster minimiert die Technik. Die geplanten Lamellenfenster lassen große Öffnungsquerschnitte zu, ohne dass die pädagogische Nutzung der Flächen in den Clustern durch Öffnungsflügel eingeschränkt ist.
Öffentlich-Private-Partnerschaft
Neben der Erarbeitung innovativer Lösungen bezogen auf die Umnutzung von leerstehenden Büroimmobilien zu Bildungsbauten zielt das Pilotprojekt auch darauf, das durch die Stadt Nürnberg geplante ÖPP-Verfahren neu zu gestalten. Damit innovative Lösungen an der Schnittstelle Pädagogik – Architektur entstehen können, haben wir die Planungsphase 1-2 dem ÖPP-Verfahren vorgeschaltet. Damit entfällt die konzeptionell relevante Planung beim Generalübernehmer (GÜ) und wird vorab durch das integrierte Planungsteam mit der Stadt Nürnberg und den Schulen erarbeitet. Die funktionale Leistungsbeschreibung für den GÜ basiert somit auf einer konkreten Planung und auch schon durch die Stadt genehmigten Abweichungen von aktuell gültigen Standards und Normen.
Aktuell bereiten die Projektbeteiligten den Übergang in die Ausschreibungsphase vor.
Ab Sommer wird von technischen, wirtschaftlichen und juristischen Berater*innen unter Zuarbeit des interdisziplinären Planungsteams sowie der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und der Stadt Nürnberg die funktionale Leistungsbeschreibung entwickelt. Sie bildet die Grundlage für die Ausschreibung der Bauleistungen und definiert die qualitativen, funktionalen und räumlichen Anforderungen an das Projekt.
Dieser Übergang markiert eine wichtige Schnittstelle: Die Planungsergebnisse werden in der Ausschreibung gesichert, die als gemeinsam erarbeitete Grundlage den späteren Realisierungsprozess steuert.
Ein Reallabor für den Schulbau im Bestand
Das Nürnberger Projekt versteht sich nicht als Einzelfall, sondern als Reallabor für einen möglichen Umgang mit leerstehenden Bestandsgebäuden. Das Pilotprojekt zeigt, dass leerstehende Büroimmobilien ein großes Potenzial für zeitgemäßen Schulbau besitzen. Durch einen anderen Umgang mit Normen und Richtlinien und dadurch möglichen „einfachen“ Lösungen ist die Umnutzung schulbauferner Typologien einfacher umzusetzen als der Umbau von alten Schulgebäuden. Als Schulbau Open Source Projekt der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft werden das erarbeitete Planungswissen sowie sämtliche Planunterlagen der Leistungsphasen 1 und 2 in den nächsten Monaten auf der Plattform schulbauopensource.de gebündelt und öffentlich zugänglich gemacht.
Ziel ist es, aus realen Projekten zu lernen und dieses Wissen anderen Kommunen und Planungsteams zur Verfügung zu stellen – von der Phase Null bis zur Ausführungsplanung. Gerade in komplexen Transformationsprojekten im Bestand entsteht so ein wertvoller Erfahrungsschatz, der bestenfalls hilft, Bestandsgebäude zu erhalten und umzubauen, anstatt sie abzureißen.
Die Stadt Nürnberg lässt sich in diesem Projekt auf das Überdenken von Standards ein, die entweder noch auf alten Vorstellungen von Schule basieren oder das Bauen in den letzten Jahren, auch im Schulbau, teuer und aufwendig gemacht haben.
Das Pilotprojekt zeigt, wie auch typologiefremde und leerstehende Gebäude mit klugen planerischen Entscheidungen zu leistungsfähigen Bildungsorten weiterentwickelt werden können. Der bislang erreichte Planungsstand macht deutlich: Die Transformation des Bestands ist nicht nur möglich, sondern kann zu innovativen, flexiblen und nachhaltigen Lernräumen führen – vorausgesetzt, Planung, Pädagogik und Prozess greifen ineinander. Dazu braucht es neben innovativen Planungslösungen weniger Standards und Regularien auch veränderte Vergabeverfahren.
Kommunaler Austausch 2026: Schule umbauen
Das Pilotprojekt SOS Nürnberg ist Thema eines Workshops unseres Kommunalen Austausches 2026 am 30.06.2026 in Köln.