19. Oktober 2026; Von: Antonia Blaer-Nettekoven

Schulbau Open Source Frankfurt: Ein zukunftsfähiger Lernort im Bestand

Die Planungen für die IGS Süd in Frankfurt-Sachsenhausen nehmen Gestalt an. Der Vorentwurf zeigt, wie sich pädagogische Anforderungen, Denkmalschutz, ressourcenschonendes Bauen und innovative Planungslösungen miteinander verbinden lassen. Zum aktuellen Stand unseres Pilotprojekts.

Zwei denkmalgeschützte Schulgebäude aus der Gründerzeit sollen zu offenen, zeitgemäßen Lernorten transformiert und durch einen Neubau ergänzt werden, der die Schule stärker mit dem Stadtteil verbindet. Nach einem intensiven Planungsjahr hat das interdisziplinäre Planungsteam die Leistungsphase 2 abgeschlossen und im September 2026 die Entwurfsplanung aufgenommen. Die pädagogischen Ziele und räumlichen Bedarfe, die bereits in der Phase Null erarbeitet und anschließend entwickelt wurden, sind gemeinsam mit den Ideen aus dem Architekturwettbewerb in einen konkreten Vorentwurf überführt worden. 

Die Geschichte des Projekts reicht bis ins Jahr 2016 zurück

Die damals neu gegründete IGS Süd gewann gemeinsam mit der Stadt Frankfurt am Main im bundesweiten Wettbewerb „Inklusive Schulen planen und bauen“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft eine Phase Null. In diesem Beteiligungsprozess wurden die Grundlagen für die räumliche Weiterentwicklung der Schule erarbeitet. 

Der anschließende Wettbewerbsbeitrag des Stuttgarter Architekturbüros BUERO BB übersetzte diese Anforderungen in ein zukunftsfähiges räumliches Konzept: Aus den ursprünglichen Klassenraum-Flur-Gebäuden soll ein offener, vielfältig nutzbarer Lernort für rund 600 Schüler*innen entstehen. 

Im Mittelpunkt stehen sechs großzügige Lernlandschaften, die in die Bestandsstrukturen aus dem Jahr 1909 integriert werden. Beide Schulgebäude, von denen eins komplett dem Denkmalschutz unterliegt und eins über denkmalgeschützte Fassadenteile verfügt, werden auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt. Ein Ergänzungsneubau schafft Raum für gemeinschaftliche und praktisch-kreative Nutzungen und öffnet die Schule zum Quartier. Der Freiraum erweitert die pädagogisch nutzbare Fläche und verbindet die beiden Schulstandorte zu einem zusammenhängenden Lern- und Lebensort.  

Der Vorentwurf: Neue Lernwelten in alten Mauern 

Der Vorentwurf zeigt unterschiedliche Wege, wie historische Schulbauten für zeitgemäßes Lernen weiterentwickelt werden können – vom weitreichenden Umbau der inneren Gebäudestruktur bis zu gezielten Eingriffen in den Bestand. 

Ein Haus im Haus: Offene Lernlandschaften in historischer Hülle

Im ersten Bestandsgebäude, der ehemaligen Textorschule und dem zukünftigen Lernhaus, haben statische Untersuchungen ergeben, dass die vorhandenen Deckenkonstruktionen nicht mehr ausreichend tragfähig sind. Damit ist ein weitreichender Rückbau der inneren Gebäudestruktur erforderlich. 

Aus dieser zunächst schwierigen Ausgangslage ergibt sich zugleich eine planerische Chance: Innerhalb der denkmalgeschützten Gebäudehülle soll eine neue Tragstruktur in Holzbauweise entstehen. Diese Haus-im-Haus-Lösung ermöglicht großzügige, offene Lernlandschaften und verbindet den Erhalt der stadtbildprägenden historischen Bausubstanz mit einer grundlegenden räumlichen Neuorganisation. 

Ein neuer Treppenkern gliedert das Gebäude in Nutzungseinheiten von jeweils rund 600 Quadratmetern. Das Brandschutzkonzept ermöglicht es, diese Bereiche ohne zusätzliche brandschutztechnische Unterteilungen zu gestalten. So entstehen zusammenhängende Lernlandschaften, die vielfältige Nutzungen und flexible räumliche Arrangements zulassen. 

Auch die langfristige Anpassungsfähigkeit wird mitgedacht: Tragstruktur und Innenausbau sind voneinander getrennt. Veränderungen der Raumaufteilung und der Ausstattung können dadurch künftig leichter mittelfristig umgesetzt werden, ohne tief in die Gebäudestruktur eingreifen zu müssen. 

Gezielte Eingriffe statt vollständiger Neuordnung 

Im zweiten denkmalgeschützten Schulgebäude verfolgt das Planungsteam einen anderen Ansatz. Hier steht der möglichst weitgehende Erhalt der bestehenden Bausubstanz im Vordergrund. 

Gezielt gesetzte Öffnungen schaffen neue Durchgänge und Sichtbeziehungen zwischen bislang getrennten Räumen. Auf diese Weise entsteht ein offeneres, zusammenhängendes Raumgefüge, das unterschiedliche Lern- und Arbeitsformen unterstützt, ohne den Charakter des historischen Gebäudes aufzugeben. Auch hier trägt das Brandschutzkonzept dazu bei, alle vorhandenen Flächen möglichst umfassend pädagogisch nutzbar zu machen und den baulichen und technischen Aufwand für neue Sichtbeziehungen zu reduzieren.

Beide Bestandsgebäude zeigen beispielhaft, dass es für die Transformation historischer Schulbauten keine allgemeingültige Lösung gibt. Entscheidend ist, die vorhandenen Qualitäten und baulichen Voraussetzungen genau zu untersuchen und daraus passende räumliche Konzepte zu entwickeln. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Welche Potenziale bietet das bestehende Gebäude und welches Maß der baulichen Veränderung ist angemessen und gleichzeitig notwendig, um ein Lernen im 21. Jahrhundert zu ermöglichen und gleichzeitig Weiterentwicklungen zu ermöglichen? 

Ein Neubau als Verbindung zum Stadtteil 

Der Ergänzungsneubau erweitert das Raumangebot der IGS Süd und schafft zugleich eine neue Adresse zum Quartier. Eine flexibel nutzbare Schulrestaurant- und Aula-Fläche bietet Raum für unterschiedliche schulische Veranstaltungen und gemeinschaftliche Aktivitäten. Hinzu kommen Werkstätten für künstlerische und praktische Tätigkeiten.  

Vorgelagerte Dachterrassen erweitern die Lern- und Aufenthaltsbereiche nach draußen. Sie schaffen zusätzliche Möglichkeiten für Unterricht, Austausch und selbstständiges Arbeiten und stärken die Verbindung von Innen- und Außenraum. 

Weniger Technik, mehr Möglichkeiten 

Ein weiterer Schwerpunkt des Vorentwurfs ist ein bewusst reduziertes Klima- und Haustechnikkonzept. Der Low-Tech-Ansatz verfolgt das Ziel, den technischen Aufwand auf ein angemessenes Maß zu begrenzen und damit sowohl die Baukosten als auch den Aufwand für Betrieb, Wartung und Instandhaltung langfristig zu reduzieren. Angesichts steigender Baukosten und dauerhaft hoher Betriebsausgaben ist dies für kommunale Schulträger von besonderer Bedeutung. 

Das Lüftungskonzept setzt in allen drei Gebäudeteilen grundsätzlich auf manuell öffenbare Fenster und eine natürliche Lüftung. Mechanische Lüftung wird gezielt dort ergänzt, wo die räumlichen Bedingungen oder besonderen Nutzungsanforderungen dies erforderlich machen. Dazu zählen die wenigen innen liegenden, nicht an die Fassade und somit an eine natürliche Lüftung angeschlossenen Räume sowie das Schulrestaurant und die Aula. Anstelle einer umfassenden technischen Ausstattung aller Bereiche orientiert sich der differenzierte Ansatz an den tatsächlichen Anforderungen der jeweiligen Räume. 

Das gilt auch für die Lernumgebungen. Die Möblierung kombiniert feste Ankerelemente, wie Podeste und Sitzstufen, Arbeits- und Sitznischen und feste Arbeitsboards entlang der Fassade mit flexibel einsetzbarem, mobilem Mobiliar. Ergänzende Selbstbaulösungen sollen Spielräume für individuelle Aneignung und Anpassung eröffnen.

Differenzierte Konzepte für Beleuchtung und Raumakustik unterstützen die unterschiedlichen Tätigkeiten innerhalb der offenen Lernlandschaften – vom konzentrierten Arbeiten über den Austausch in kleinen Gruppen bis zu gemeinschaftlichen Lernformaten. 

Der Prozess: Gemeinsam planen, erproben und entscheiden 

Im interdisziplinären, forschenden Entwurfsprozess bildeten die pädagogischen Bedarfe und die pädagogische Vision der IGS Süd stets den Ausgangspunkt für die räumliche Planung. In Nutzer*innenworkshops wurden räumliche Konzepte mit der Schulgemeinschaft diskutiert und auf ihre Alltagstauglichkeit und Weiterentwicklungsmöglichkeit hin überprüft. In themenbezogenen Entwurfswerkstätten erarbeitete das interdisziplinäre Planungsteam Lösungen. Regelmäßige Planungs-Jours-fixes dienten der Abstimmung zwischen allen Fachdisziplinen. Ergänzend brachten externe „Critical Friends“ ihre Expertise und neue Perspektiven in den Entwurfsprozess ein. 

Eine besondere Rolle spielt die enge Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Ämtern der Stadt Frankfurt am Main, dem interdisziplinären Planungsteam, der Schulgemeinschaft und der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft.

Denn die Transformation der denkmalgeschützten Schulgebäude zu offenen Lernlandschaften erfordert es, bestehende planerische und technische Standards immer wieder auf ihre Angemessenheit und Zukunftsfähigkeit zu überprüfen. 

Der Planungsprozess zeigt damit, wie pädagogische Anforderungen, planerische Expertise und kommunale Entscheidungsstrukturen ineinandergreifen. Das gemeinsame Hinterfragen etablierter Lösungen ist dabei kein Selbstzweck, sondern dient dem Ziel, Räume zu entwickeln, die zeitgemäßes Lernen ermöglichen und zugleich baulich, technisch und wirtschaftlich tragfähig sind und in Zukunft sein werden. 

Die pädagogische Weiterentwicklung hat schon vor der Fertigstellung begonnen

Im Sommer 2026 ist die IGS Süd in ein Interimsgebäude mit klassischer Klassenraum-Flur-Struktur umgezogen. Bereits hier gestaltet die Schulgemeinschaft die vorhandenen Räume entsprechend ihrem pädagogischen Konzept um: Aus herkömmlichen Klassenräumen werden jahrgangsgemischte Fachbüros, in denen Schüler*innen selbstständig arbeiten und im Lernen unterstützt werden können. Im Fach „Leben“ arbeiten die Schüler*innen ganzheitlich zu gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Themen innerhalb von Projekten. Hier zeigt sich, dass neue Lernformen auch innerhalb bestehender räumlicher Strukturen möglich sind. Zugleich unterstreichen sie den Anspruch an die künftigen Schulgebäude: Räume zu schaffen, die das pädagogische Konzept nicht nur aufnehmen, sondern seine Umsetzung im Schulalltag gezielt unterstützen. 

Wie geht es weiter? 

Mit dem Abschluss der Vorplanung ist ein wichtiger Meilenstein erreicht und zugleich die Grundlage für die nächste Planungsphase geschaffen. Bereits im September 2026 ist das Planungsteam nahtlos in die Leistungsphase 3 übergegangen. Bis zum Frühsommer 2027 werden die räumlichen, konstruktiven und technischen Konzepte weiter vertieft, aufeinander abgestimmt und zu einem durchgearbeiteten Entwurf zusammengeführt.  

Schon jetzt macht das Projekt deutlich, welches Potenzial in der Transformation bestehender Schulgebäude liegt: Zukunftsfähiger Schulbau muss nicht immer mit einem Neubau beginnen. Er kann auch dort entstehen, wo historische Bausubstanz, neue pädagogische Ideen und die Bereitschaft, etablierte Lösungen zu hinterfragen, zusammenkommen. 

Schulbau Open Source

Die Pilotprojekte Schulbau Open Source sind Reallabore für die Entwicklung und Weitergabe von Planungswissen. Bei der IGS Süd sind es die komplexen Herausforderungen des Bauens im (denkmalgeschützten) Bestand, die das Projekt für andere Kommunen und Planungsteams interessant machen. Dabei erproben die Stadt Frankfurt am Main, das Planungsteam, die Schulgemeinschaft und die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft gemeinsam, wie sich etablierte Standards kritisch überprüfen lassen und neue Lösungen für eine zukunftsorientierte Pädagogik entwickeln lassen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen sind ein wesentlicher Bestandteil des Open-Source-Gedankens: Nicht nur die fertigen Pläne, sondern auch die zugrunde liegenden Fragestellungen, Abwägungen und Lösungswege werden auf schulbauopensource.de ausführlich dokumentiert.