07. Juni 2023; Von: Peter Sich

Umbau für ein neues Lernen: Auftakt Pilotprojekt Schulbau Open Source Frankfurt

Am 1.6. wurde der Entwurf für den Um- und Anbau der IGS Süd in Frankfurt der Politik, der Verwaltung und dem Quartier vorgestellt. Damit kann der Planungsprozess starten.

Seit ihrer Gründung 2015 verfolgt die IGS Süd in Frankfurt-Sachsenhausen ein innovatives Programm. Die Schule arbeitet inklusiv und ganztägig und stellt die Wertschätzung in den Mittelpunkt ihres Wertekatalogs. Großer Wert wird auf selbstständiges Arbeiten gelegt, die Schülerinnen lernen selbstorganisiert und jahrgangsgemischt in ihrem eigenen Tempo, statt Noten erhalten sie Zeugnisse mit individuell ausformulierten Rückmeldungen. Damit die Schülerinnen in Zusammenhängen und anhand realer Situationen lernen, ist Projektarbeit ein zentraler Baustein des pädagogischen Konzeptes. Hierin erkunden sie Themen, die sie selber interessieren, probieren sich aus oder übernehmen konkret Verantwortung für andere, etwa indem sie eine Interviewreihe mit Experten zum Thema Nachhaltigkeit durchführen, als Schülerfirma ein Catering anbieten oder regelmäßig im Seniorenheim vorlesen.

So zeigt die IGS Süd bereits jetzt, wie neues Lernen aussehen kann. Was bislang allerdings fehlt, sind Räume, um die Lehr- und Lernsettings bestmöglich zu unterstützen. Denn die IGS Süd ist im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen in den beiden Gebäuden der Textor- und der Holbeinschule untergebracht, die beide im frühen 20. Jahrhundert gebaut wurden. Mit ihrem Erscheinungsbild sind die Gebäude für das Quartier identitätsstiftend und stehen zum Teil unter Denkmalschutz. Deswegen gilt es, sie unbedingt zu erhalten. Dennoch genügen sie in ihrer derzeitigen Konfiguration nicht mehr den Anforderungen einer inklusiven, ganztägigen und stadtteiloffenen Schule.

Zwar hat es die IGS Süd bislang auf beeindruckende Weise geschafft, sich die Räume anzueignen, entsprechend ihrer Anforderungen umzugestalten und zu nutzen, dennoch war von Beginn an klar, dass der Raum weitere Möglichkeiten schaffen und die Pädagogik noch viel deutlicher unterstützen könnte, als er es bislang tut.

Rückansicht der Textorschule / IGS Süd Frankfurt mit ihren denkmalgeschützten Portalen

IGS Süd: Neue Inhalte für Schulbau Open Source

Deshalb hat sich die IGS Süd 2015 beim bundesweiten Wettbewerb „Inklusive Schulen planen und bauen“ der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft beworben – mit Erfolg: Zusammen mit einem interdisziplinären Schulbauberatungsteam hat die Stiftung gemeinsam mit der Schulgemeinschaft, der Stadt Frankfurt a. M. und Vertreter*innen aus dem Quartier eine Phase Null durchgeführt.

Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Phase Null setzt die Stiftung diese Zusammenarbeit nun fort: Der Um- und Neubau der IGS Süd ist das dritte Pilotprojekt im Rahmen von Schulbau Open Source (SOS). Um dem Schulbau in Deutschland die Innovationsimpulse zu geben, die er so dringend braucht, stellt die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft alle Planungsunterlagen und im Prozess gewonnenen Ergebnisse auf ihrer Online-Plattform ‚Schulbau Open Source‘ öffentlich zur Verfügung. So lassen sich die Ideen und Lösungen nachvollziehen und auf die jeweiligen Gegebenheiten und Rahmenbedingungen vor Ort übertragen.

Dabei lässt sich anhand der IGS Süd mit ihrem zukunftsweisenden Programm, nicht nur zeigen, wie neues Lernen funktioniert und wie Architektur dieses unterstützt, das Bauprojekt bereichert den öffentlichen Wissens-Fundus von SOS auch um eine neue Dimension: Anders als bei Neubauten müssen für die IGS Süd innovative Lösungen für Bestandsgebäude gefunden und umgesetzt werden.

Für die Architekt*innen stellt sich bei der IGS Süd also die spannende Aufgabe, die Gebäude grundlegend für die Anforderungen einer zeitgemäßen Pädagogik fitzumachen, dabei aber behutsam vorzugehen und möglichst viel vom Bestand zu erhalten. Hinzu kommt die Herausforderung, einen Anbau zu entwerfen, der sich auf ansprechende Weise ins Ensemble und ins Stadtbild einfügt, um zusätzliche notwendige Funktionen einer stadtteiloffenen inklusiven ganztägigen Schule am Standort abzubilden.

Der Entwurf des Um- und Erweiterungsbau der IGS Süd in Frankfurt

Eben dieser Aufgabe hat sich die Arbeitsgemeinschaft Buero BB + Immendörfer Architektur gemeinsam mit Saur Landschaftsarchitekten gestellt. Der Entwurf, mit dem die Architekt*innen aus Stuttgart und Markgröningen im Wettbewerb die Jury überzeugen konnten, sieht – entsprechend der Ergebnisse der Phase Null – eine klare Aufteilung der beiden Gebäude nach Funktionen vor.

Visualisierung des Lernhauses der IGS Süd

Das Lernhaus der IGS Süd in der ehemaligen Textorschule

Im größeren Gebäude der Textorschule entsteht ein Lernhaus, in dem die allgemeinen Lern- und Unterrichtsbereiche der Schule unterkommen. Im Erdgeschoss bilden die Pausenhalle, ein Mehrzweckraum und die Bibliothek gemeinschaftlich genutzte Bereiche. Hier finden sich auch Räume für die Verwaltung und der Übergang zur barrierefrei erreichbaren Sporthalle. Durch eine Neuerschließung über ein zentrales Treppenhaus und die Schaffung entsprechender Durchbrüche entstehen in den oberen drei Geschossen offene Lernlandschaften für die jeweils jahrgangsübergreifenden Klassen der IGS Süd.

Den krönenden Abschluss des Gebäudes bildet eine vertikale Erweiterung, die das alte Dachgeschoss aus der Nachkriegszeit ersetzt. Hier ist Platz für einen Bewegungs- und einen Naturwissenschaftsraum. Die nutzbare Dachfläche erweitert diese Räume nach außen und wird so Teil eines vielfältigen Schulaußenraums.

Das Stadtteilhaus in der ehemaligen Holbeinschule

Visualisierung des Entwurfs für den Anbau der Holbeinschule (Stand: Wettbewerb)

Durch die Umgestaltung des zweiten Gebäudes wird die ehemalige Holbeinschule zum Stadteilhaus: Hier sind die Räumlichkeiten für das Beratungs- und Förderzentrum sowie einen Jugendtreff untergebracht. Daneben finden sich hier Lehrküche, Werkstätten Kunsträume und ausreichend Platz für gemeinschaftliche Nutzungen. Dieser steht auch für Menschen und Initiativen aus dem Quartier offen. So öffnet sich die IGS Süd sowohl programmatisch wie baulich zur Stadt.

An der angrenzenden Holbeinstraße wird das Ensemble um einen Erweiterungsbau als Holz-Beton-Hybridbau ergänzt. Hier sollen die Mensa, die Aula sowie weitere naturwissenschaftliche Räume untergebracht werden. Auch hier sieht der Entwurf vor, den Außenraum um die begrünten und nutzbaren Dachflächen zu erweitern. Ein gemeinsames Foyer verbindet den Neubau mit dem Bestandsgebäude. Im Sinne des Denkmalschutzes erfolgt die Anbindung behutsam. So erhält die IGS Süd zwar zur Holbeinstraße hin ein neues Gesicht, zugleich bleibt aber der Respekt gegenüber den bestehenden Schulgebäuden ausreichend gewahrt.

Rückansicht des Gebäudes der Textorschule mit ihren denkmalgeschützten Portalen

Eine angrenzende Freifläche, die der Schule als Außenfläche für die Mensa dient, steht ebenfalls der Öffentlichkeit zur Verfügung. Um den Schüler*innen den gefahrlosen Übergang zwischen den verschiedenen Gebäuden zu ermöglichen, soll die Textorstraße, die zwischen den Gebäuden verläuft, in diesem Bereich zur verkehrsberuhigten Sackgasse werden. Der Baumbestand des Schulgeländes wird erhalten und durch Neupflanzungen ergänzt. So entsteht in Frankfurt Sachsenhausen ein Ort, der nicht nur in pädagogischer und architektonischer Hinsicht zukunftsweisend ist.

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Schulbau Open Source – Planungswissen für Innovationen im Schulbau

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