Foto: bof architekten / Hagen Stier

LERNRÄUME AKTUELL: Bildungszentrum »Tor zur Welt« Hamburg

am 22. Oktober 2018 | von

Auf der Plattform „Lernräume Aktuell“ haben wir Beispiele für gelungene Pädagogische Architektur gesammelt. Seit Einstellung des Projektes haben uns viele Anfragen erreicht. Eine Auswahl aus der Beispielsammlung stellen wir nun regelmäßig im Blog vor.

2013 eröffnete das Bildungszentrum „Tor zur Welt“, ein zentrales Entwicklungsvorhaben der Internationalen Bauausstellung Hamburg, die von 2006 bis 2013 im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg realisiert wurde. Wesentliches Ziel war es, mit der Schaffung einer innovativen Bildungslandschaft die Entwicklung des benachteiligten Stadtteils zu fördern: Bildung, Wissen und kulturelle Vielfältigkeit gelten als zentrale Ressourcen für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Lage im Quartier

Das Bildungszentrum ist von unterschiedlichen Wohnquartieren umgeben; nach Westen schließt sich das so genannte Eisenbahnerviertel an, dessen baulich-räumliche Struktur für die städtebauliche Konzeption des Neubauvorhabens als wichtige Referenz fungiert. Neben dem Neubauabschnitt umfasst das Bildungszentrum die östlich der Krieterstraße vorhandenen Gebäude des Helmut-Schmidt-Gymnasiums, die im Zuge der Gesamtmaßnahme saniert wurden.
Der 2-phasige Realisierungswettbewerb wurde 2008 auf Initiative der IBA Hamburg und der Behörde für Schule und Berufsbildung durchgeführt; Bauherr ist das Gebäudemanagement Hamburg (GMH).

Pädagogik

Das „Tor zur Welt“ ist ein Schlüsselprojekt im Rahmen der „Bildungsoffensive Elbinseln“. Da verschiedene schulische und außerschulische Einrichtungen beteiligt sind, ist die Gestaltung der Bildungsübergänge zwischen diesen Einrichtungen (Kita/Grundschule; Grundschule/weiterführende Schule; Regelschule/Förderschule; Schule/Beruf etc.) ein zentraler Aspekt im pädagogischen Konzept. Auch die Erwachsenenbildung und die Förderung interkultureller Bildungserfahrungen sind wichtige Anliegen, die sich in der Konzeption des Bildungszentrums wiederfinden.
Neben den drei Schulen (Elbinselschule, Sprachheilschule/Regionales Bildungs- und Beratungszentrum sowie Helmut-Schmidt-Gymnasium) sind mehrere außerschulische Einrichtungen einbezogen; einen Schwerpunkt bilden Institutionen der Erwachsenenbildung und Integration (Elternschule, VHS, Inselmütter etc.).
Die Elbinselschule ist als 4- bis 5-zügige Grundschule organisiert und ermöglicht verschiedene Profile (Kunst/Musik; Natur/Umwelt; Englisch). Die Sprachheilschule ist 3-zügig organisiert (60 Schülerinnen und Schüler) und versteht sich als sportbetonte Grundschule für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Größte Schule im Bildungszentrum „Tor zur Welt“ ist das Gymnasium, das jedoch nur mit seiner Beobachtungsstufe im Neubauabschnitt untergebracht ist. Bereits in der Beobachtungsstufe werden Schwerpunktklassen (für z.B. Musik, Englisch oder Naturwissenschaften) angeboten; in der Oberstufe sind es vor allem fächerübergreifende Profile, die den Schüler für ihre individuellen Schwerpunktsetzungen angeboten werden (z.B. „Medien“, „Nachhaltigkeit“ oder „Wissenschaft und Gesellschaft“).

Architektur

Das Bildungszentrum umfasst ein neu errichtetes Gebäudeensemble westlich der Krieterstraße sowie die Energiezentrale und die sanierten Bestandsbauten des Gymnasiums, die sich östlich der Krieterstraße befinden. Um beide Teilareale funktional und gestalterisch zu verbinden, ist über die Krieterstraße hinweg ein neuer Stadtteilplatz („Ankerplatz“) geschaffen worden.

Das Neubauensemble besteht aus vier überwiegend drei-geschossigen Baukörpern in unterschiedlicher Geometrie, aber ähnlicher Formensprache. Sie formulieren einen städtebaulich sehr überzeugenden Abschluss des westlich angrenzenden Wohnviertels; auch mit der Fassadengestaltung (Lochfassade mit meist liegenden Fensterformaten und grau lasiertem Lärchenholz als vorherrschendem Fassadenmaterial) gewährleisten sie ein hohes Maß an städtebaulicher Integration. Im EG sind die vier Baukörper durch eine mäandrierende Passage („Straße des Lernens“) miteinander verbunden, entlang derer viele Gemeinschaftsbereiche und allgemeine Nutzungen (Umweltzentrum, Förderzentrum usw.) angeordnet sind. Der südliche der vier Baukörper („Torhaus“) enthält als Multifunktionszentrum viele gemeinschaftliche, außerschulische und stadtteilöffentliche Bereiche (inkl. des öffentlichen Elterncafés) und grenzt unmittelbar an den neu geschaffenen Stadtteilplatz.

Foto: bof architekten / Hagen Stier

Die Fassaden im EG sind überwiegend als Pfosten-Riegel-Konstruktionen mit Sonnenschutzverglasung ausgebildet. Sporthallen und Außensportanlagen befinden sich am westlichen Rand des Gebäudeensembles. Insgesamt stehen drei verschiedene Spiel- und Pausenhöfe zur Verfügung; auch auf dem Dach der Passage sind Spielbereiche eingerichtet worden, die aus dem 1. OG erreicht werden können.

Lernbereiche

Die Lernbereiche sind weitgehend als Cluster ausgebildet, bei denen sich zwischen zwei und vier Klassenräume um einen gemeinsam zu nutzenden Bereich („Lernatelier“) gruppieren. Die Lernateliers werden für Einzel- und Kleingruppenarbeit, aber auch für kleinere Präsentationen und Aufführungen genutzt. Um Sichtbeziehungen zwischen Lernatelier und Klassenräumen zu ermöglichen, sind Fenster in die Flurwände eingesetzt und Türen teilverglast worden. Die Klassenräume verfügen sowohl über einen Garderobenbereich als auch eine weitere Differenzierungsfläche, sodass sie auf vielfältige Weise zonier- und nutzbar sind.

Foto: bof architekten / Hagen Stier

Essen

Die Mensa steht allen Einrichtungen des Bildungszentrums zur Verfügung. Im Normalbetrieb finden bis zu 250 Schülerinnen und Schüler Platz, das Essen wird daher in mehreren Schichten ausgegeben. Zudem kann die Mensa um die angrenzende Aula erweitert werden – das Gleiche gilt umgekehrt auch für die Aula. Betrieben wird die Mensa von einem externen Dienstleistungsunternehmen, denen ein Mensabeirat zur Seite gestellt ist, um eine möglichst hohe Akzeptanz der Verpflegung bei der Schülerschaft gewährleisten zu können.

Selbstlernzentrum

Die Bibliothek ist als Selbstlernzentrum für unterschiedliche Lese- und Arbeitssituationen konzipiert. Es stehen lange Lesetische und -bänke zur Verfügung, die auch für Gruppenarbeit genutzt werden können; Einzelarbeitsplätze für das Arbeiten mit Computern befinden sich entlang der Fensterreihe. Zum Schmökern und entspannten Lesen befinden sich im rückwärtigen Abschnitt der Bibliothek zwei sofa-artige Großmöbel.

Foto: bof architekten / Hagen Stier

Energiezentrale

Das im Passivhausstandard erstellte Bildungszentrum verfügt über eine eigene Energiezentrale, bestehend aus einer Holzfeuerungsanlage für Pellets und einer Photovoltaikanlage auf dem Dach und an der Fassade. Größere Bereiche des Gebäudes verfügen über eine zentrale Lüftungsanlage; die Klassenräume erhielten dezentrale Lüftungsgeräte, die sich flexibel steuern lassen. Das Energiekonzept des Gebäudes mit seiner Gebäudeleittechnik ist Bestandteil des Curriculums; Energie und Nachhaltigkeit sind als wichtige Themen der IBA Hamburg jederzeit sichtbar, nicht zuletzt durch die prominente Position der Energiezentrale am neu geschaffenen Stadtteilplatz.

Prozess

Planung und Bau des Bildungszentrums waren von Beginn an von intensiven Partizipationsprozessen begleitet; dies war ein zentrales Qualitätskriterium im Rahmen der IBA Hamburg und der „Bildungsoffensive Elbinseln“. Weil die Interessen und Bedarfe mehrerer Schulen und zahlreicher weiterer Nutzerinnen und Nutzer des Bildungszentrums über alle Phasen einzubeziehen, zu bündeln und mit den übrigen Planungsbeteiligten zu koordinieren waren, wurde frühzeitig eine Projektkoordination eingerichtet und mit Personalmitteln ausgestattet. In den zahlreichen Arbeitsphasen und Arbeitsgruppen des Projekts wurden daher Fragen und Aspekte unterschiedlichster Reichweiten – vom Städtebau über die Konzeption der Gemeinschaftsbereiche bis hin zur Ausstattung einzelner Räume – bearbeitet. Auch die Stadtteilöffentlichkeit wurde zu bestimmten Etappen immer wieder mit größeren Informations- und Diskussionsveranstaltungen einbezogen. Größe und Komplexität des Projekts machten auch nach Fertigstellung und Eröffnung eine eigens geschaffene Geschäftsführung des Bildungszentrums erforderlich.

 

Steckbrief

Name der Bildungseinrichtung: Bildungszentrum „Tor zur Welt“
Address: Krieterstraße 2, 21109 Hamburg (Wilhelmsburg)
Form der Bildungseinrichtung: A. Grundschule (Elbinselschule)

B. Grundschule (Sonderschule mit Regelschulangebot; Regionales Bildungs- und Beratungszentrum)

C. Gymnasium (Helmut-Schmidt-Gymnasium)

D. Diverse außerschulische Einrichtungen

Träger: SBH Schulbau Hamburg, Behörde für Schule und Berufsbildung, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Kulturbehörde, Bezirksamt Hamburg-Mitte
Anzahl der Nutzer/innen (Kinder, Jugendliche, Schüler/innen): A. (Grundschule): 500

B. (Grundschule, Sonderschule mit Regelangebot): 160

C (Gymnasium): 800

Mitarbeiterzahl: A: 92

B: 42 (+15 im Beratungszentrum)

C: 78

D: 12

Bauherr: GMH Gebäudemanagement Hamburg
Baufertigstellung: 2013
Bauzeit in Monaten: 30 Monate
Architekten/Planer: bof architekten / Breimann & Bruun Landschaftsarchitekten
Bruttorauminhalt (BRI) in cbm (Neubau): 99.707
Bruttogeschossfläche (BGF) in qm (Neubau): 22.034
Nettogrundfläche (NGF) in qm (Neubau): 20.169
Herstellkosten KGR 300+400 : 29,1 Mio. (netto)
Leitung bzw. Geschäftsführung: Theda von Kalben

 

Links & Literatur

Bildungszentrum „Tor zur Welt“
https://tzw.hamburg.de/

Internationale Bauausstellung Hamburg IBA
http://www.iba-hamburg.de/

Das Bildungszentrum “Tor zur Welt” stellen wir auch im Kapitel VII: Projekte: Exemplarische Umsetzungen zwischen Architektur, Städtebau und Pädagogik vor. In “Schulen planen und bauen 2.0 – Grundlagen, Prozesse, Projekte”, Berlin/Seelze 2017. S. 362-365.
https://www.montag-stiftungen.de/jugend-und-gesellschaft/veroeffentlichungen.html

 

DIRK E. HAAS ist Planer und geschäftsführender Partner des Büros REFLEX architects_urbanists in Essen, das sich bevorzugt mit Aufgaben an der Schnittstelle von Bildung, Architektur und Stadtplanung befasst.

 

Die Kommentare sind nicht mehr möglich

« »