Über 150 Teilnehmende aus ganz Deutschland sind am 30. Juni 2026 in der Design Post in Köln zusammengekommen, um sich zu Innovationen rund um das Thema „Schule umbauen“ auszutauschen. Das gemeinsame Ziel: Ideen, Strategien und Beispiele zu diskutieren, die dazu beitragen, die Herausforderungen für Kommunen im Schulbau anzugehen und interdisziplinär zu lösen. Dabei wurde klar: Es geht hier nicht allein um planerische Themen. Im Zentrum steht der Anspruch, das Lernen und die Räume in Schule so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche dort Kompetenzen für die heutige und zukünftige Lebens- und Arbeitswelt erwerben können.
Impuls und Trialog
Moderation: Madita Lücker
Diese Perspektive stand im Mittelpunkt des ersten Impulsvortrags von Prof. Dr. Stephan Rammler, Sozialwissenschaftler, Ökonom und Zukunftsforscher, der zum Einstieg den „Zukunftsraum“ und seine „Trends, Treiber und Erwartungen“ skizzierte – ein Gerüst aus krisenhaften Zuständen und Entwicklungen, die unser Leben in Zukunft prägen werden: Erderwärmung und Biodiversitätsverlust, Bevölkerungswachstum und Migrationsdynamik, digitale Transformation, geopolitische Disruptionen und Neoimperialismus, demografischer Wandel, soziale Ungleichheit, politische Radikalisierung und Fragilität der Demokratie, Infrastrukturdisruption und Modernisierungsdruck. Der Schlüssel, um diesen Herausforderungen zu begegnen, liegt in der Bildung junger Menschen: Zukunftskompetenzen („futures literacy“) und die Entwicklung einer resilienten Persönlichkeit beschreibt Rammler als „Zukunftsvorsorge für die kommenden Generationen“.
Seine Forderung eines „resilienten Bildungswesens“ mit den Themen Schulbau und Schulorganisation sowie neue didaktische und methodische Konzepte einer resilienten Pädagogik war anschließend Ausgangspunkt für den Trialog zwischen Stephan Rammler sowie Barbara Pampe, Architektin, und Lisa Lemke, Pädagogin, die die Perspektiven und Themen der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft einbrachten. Kernfragen in der Bildung werden hier Ausgangspunkt und Basis für die Architektur und die räumlichen Qualitäten. Die Beteiligten im Schulbau können nur gemeinsam dazu beitragen, das geforderte Lernen für das 21. Jahrhundert zu ermöglichen: indem sie zuständigkeitsübergreifend Lösungen für die Schule von heute entwickeln, vorantreiben und umsetzen, die Pädagogik, Organisation und Architektur verbinden.
Themenworkshops
Wie solche Lösungen konkret aussehen können, darum ging es anschließend in sieben parallelen Themenworkshops. Expert*innen und Fachplaner*innen aus Pilotprojekten der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft stellten hier innovative Ansätze vor, die so bereits geplant und umgesetzt werden. Sie waren der Anlass für den intensiven Austausch der Teilnehmenden, der im Mittelpunkt der Veranstaltung steht und der im Anschluss an die Workshops auf dem Podium und im Plenum weitergeführt wurde.
Aspekte aus den Workshops und der Diskussion:
Workshop Möblierung
Schulmöbel einfach selbst bauen? Partizipativ geplante und selbst gebaute Schulmöbel als nachhaltige und kostengünstige Alternative im Schulbau Open Source Pilotprojekt Jenaplanschule Weimar
Mit Jann Spille, UM:BAU; Co-Moderation: Antonia Blaer-Nettekoven
Qualitätvolle Möblierung entsteht aus einem gemeinschaftlichen Prozess in der multiperspektivischen Zusammenarbeit, von Schulen und Schulträgern über Vergabestellen bis hin zu Fachplaner*innen, z.B. für Akustik, unter Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen. Neben klaren Zuständigkeiten und transparenten Prozessen zählt auch das Engagement der beteiligten Akteur*innen, bestehende Standards kritisch zu hinterfragen. Zum Beispiel, wie sich Ausschreibungen stärker an qualitativen Kriterien wie Robustheit, Langlebigkeit und Reparierbarkeit ausrichten lassen, anstatt nur die Kosten in den Blick zu nehmen.
Workshop Brandschutz
Wie lassen sich Brandschutz und pädagogische Anforderungen an zeitgemäße Lernräume vereinen? Innovative Brandschutzkonzepte für Cluster und offene Lernlandschaften – auch im Bestand
Mit Dr. Ing. Thomas Scherer, Ingenieurbau-Consult GmbH; Co-Moderation: Carlota Estaún Martinez
Eine frühzeitige Einbindung des Brandschutzes in die Planung ist wichtig, um Räume und Flächen bestmöglich zu nutzen und im Bestand neue Flächen zu aktivieren. Das ist auch mit geringen Baumaßnahmen möglich. Sichtbeziehungen spielen eine wichtige Rolle im Brandschutzkonzept. Beispiele und Nutzungsszenarien geben Orientierung, wie konkrete Lösungen aussehen können. Für die Nutzer*innen ist eine Einweisung in das Konzept hilfreich, um die Potentiale, die ein neues Raum- und Brandschutzkonzept bietet, auch voll zu nutzen.
Workshop Holzbau
Wie können Holzbaukonstruktionen mit sichtbaren Oberflächen im Schulbau gelingen? Lösungen aus dem Schulbau Open Source Pilotprojekt Offene Schule Waldau in Kassel
Mit Thomas Müller, Fast + Epp GmbH; Co-Moderation: Barbara Pampe
Sichtbare Holzbaukonstruktionen leisten im Schulbau nicht nur einen Beitrag zu CO2-Reduzierung, Zurückbaubarkeit von Konstruktionen, Vorfertigung und Nachhaltigkeit, sondern auch zu angenehmen Atmosphären in Lernräumen, die das Wohlbefinden der Nutzenden steigern. Die Entscheidung für Holzbau ist in der Planung früh zu setzen, da andere Abläufe und eine hohe Detaillierung in den frühen Leistungsphasen notwendig sind. Tragwerk, Architektur, Bauphysik und Haustechnik sollten von Anfang an zusammengedacht und geplant werden. Und: Die Verwendung von Holzkonstruktionen im Schulbau wird durch die Holzbaurichtlinie nicht vereinfacht.
Siehe auch: Forschungsstudie von Fast + Epp
Workshop Schulferne Typologien
Welche Potentiale bieten schulferne Bestandsgebäude für zukunftsfähige Lernräume? Möglichkeiten zur Umnutzung und Weiterentwicklung anhand von Schulbau Open Source Pilotprojekt Berufliche Schulen B5 + B14 in Nürnberg
Mit Julius Beier und Ulrike Dix, AFF Architekten; Co-Moderation: Hannah Ferlic-Bahners
Best-Practice-Beispiele geben anderen Kommunen Orientierung, wie Projekte, auch mit Abweichungen, funktionieren können. Der gemeinsame Austausch hilft, den eigenen Standpunkt zu schärfen und die verschiedenen Herausforderungen zu verstehen. Erschwert wird eine solche Umsetzung durch die aktuellen Haushaltslagen der Kommunen, wenn dafür geeignete Immobilien nicht im Portfolio der Städte enthalten sind und teuer erworben werden müssen. Besonders innerstädtische Leerstände bieten eine große Chance, städtische Räume durch öffentliche Nutzung neu zu aktivieren.
Workshop Minimale Maßnahmen
Wie können durch minimalinvasive Umbaumaßnahmen zukunftsfähige Lernräume in Bestandsgebäuden entstehen? Veränderte Raumnutzungskonzepte anhand des Ganztag und Raum Pilotprojektes an der Martin-Schaffner-Schule in Ulm
Mit Milica Jeremic, Zentrales Gebäudemanagement Stadt Ulm, und Melanie Williams, Bildung und Sport der Stadt Ulm; Co-Moderation: Nataša Penčić
Neue Raum- und Nutzungskonzepte für zukunftsfähige Lernräume sind auch im Bestand durch minimalinvasive Maßnahmen umsetzbar. Dabei ist eine fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit essentiell für einen erfolgreichen und nachhaltigen Schulentwicklungs- und -umbauprozess. Veränderungen können auch im Kleinen beginnen: zum Beispiel, indem man einfach einen Klassenraum leerräumt und Bedarfe ermittelt, Minilabore und Experimentierräume schafft und Mitstreiter*innen findet – aus Politik/Verwaltung, oder auch einfach aus der Schulleitung oder dem Team.
Workshop Low Tech
Wie gelingt Lüften, Heizen und Temperieren mit einfachen Mitteln? Mit Low-Tech-Ansätzen nachhaltige und behagliche Schulen realisieren – Lösungen aus den SOS-Pilotprojekten
Mit Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Gerhard Hausladen, Ingenieurbüro Hauslanden GmbH; Co-Moderation: Lena Schröder
Low Tech ist nicht allein eine technische Frage, sondern erfordert die frühzeitige Einbeziehung aller Beteiligten von Anfang an, inklusive der Nutzenden und auch Schüler*innen. Neben der Beteiligung zählen klare Kommunikation, Mut – auch zum gesunden Menschenverstand! – und gemeinsame Qualitätsziele. Es lohnt sich, bestehende Standards und Annahmen kritisch zu hinterfragen. Wenn pädagogisches Personal und Schüler*innen selbst Low-Tech-Lösungen nutzen und erleben, verstehen sie, dass und wie es funktioniert. Low Tech ist vernünftiger, nicht besser!
Workshop Freiraum
Wie kann der Außenraum als Lern-, Erholungs- und Bewegungsfläche für Schule und Quartier gestaltet werden? Lösungen aus dem Schulbau Open Source Pilotprojekt IGS Süd in Frankfurt
Mit Thomas Gräbel, Rabe Landschaften – Arge Studio Urbane Landschaften; Co-Moderation: Hanna Hemberger
Qualitätvolle Freiräume entstehen unter Beteiligung unterschiedlicher Nutzer*innengruppen – Schüler*innen und Eltern ebenso wie Stimmen aus multiprofessionellen Perspektiven. Wichtig ist der Grundsatz der Einfachheit: mit den Qualitäten arbeiten, die schon da sind und nicht mehr hinzufügen als nötig. Gerade vor dem Hintergrund der kritischen finanziellen Lage in vielen Kommunen gilt es, Prioritäten richtig zu setzen und zu verhandeln, damit der Stellenwert von Freiraum als Planungsthema nicht vernachlässigt wird. Im Kontext mit Architektur und Städtebau betrachtet spielen Außenräume als Lern- und Lebensräume eine wichtige Rolle - in Zeiten von Wetterextremen können sie einen enormen Beitrag zur Hitzeminderung leisten und das Wohlbefinden in der Schule und im Quartier steigern.
Podiumsdiskussion und Abschluss
Moderation: Lisa Lemke und Madita Lücker
In der Abschlussrunde diskutierten Botschafter*innen aus den Workshops mit dem Plenum über Learnings, Erkenntnisse und nächste Schritte. Ein paar Ausschnitte und O-Töne aus der Diskussion:
„Zentrale Erkenntnis: Das Ins-Gespräch-Kommen ist das größte Give- und Take-away“ / „Frei machen von Bestehendem, es gemeinsam infrage stellen“ / „Wir brauchen Kommunikation und Mut“ / „Wir haben alle wichtige Funktionen, wenn wir mutig sind, können wir etwas erreichen“ / „Multiperspektivisch denken: Wir sind alle Expert*innen in einem Feld, zusammen können wir Lösungen finden“ / „Beteiligung schaffen, Kinder und Jugendliche beteiligen“ / „Von kommunaler Seite den Teamgedanken stärken“ / „Klamme Haushaltslagen sind keine Ausreden“ / „Das Gebäude als pädagogischen Wert sehen“ / „Beteiligung, Beteiligung, Beteiligung!“ / „Aus Sicht der Verwaltung: Es geht immer um Menschen, mit individuellen Befindlichkeiten, die Perspektiven der anderen sehen und verstehen“ / „SOS Nürnberg zeigt ganz viel Mut bei allen Beteiligten, Best-Case-Study, das macht Mut!“ / „Das Bild von Schule muss sich verändern“ / „Aus dem starren Denken ausbrechen, Kinder mitnehmen, die haben Ideen“ / „Keine Pseudobeteiligung!“ / „Es ist gesetzliche und menschliche Pflicht, Kinder und Jugendliche zu beteiligen“ / „Wir müssen aufhören, mit dem Finger aufeinander zu zeigen“ / „Flexibilität zeigen in der Planung“ / „Partizipation funktioniert nicht, wenn man die gegenseitigen Lebenswirklichkeiten nicht kennt (zum Beispiel Verwaltung kennt Pädagogik nicht)“ / „Man muss nicht immer alles reglementieren“ / „Hitzemaßnahmen dringend diskutieren, auch im Bestand“ / „Was brauchen unsere Kinder?“ / „Schule ganzheitlich betrachten: Nutzung über den gesamten Tagesverlauf und langfristige Nutzung über die aktuellen Anforderungen hinaus denken“ / „Chancen wahrnehmen als Team – mit dem Potential, das wir in unseren Städten haben, können wir so viel erreichen“ / „Neue Schulen können wir uns sowieso nicht mehr leisten“ / „Es gibt so viele Stellen, an denen wir ansetzen und etwas verändern können!“
Ausgangspunkt der Veranstaltung war ein Blick in die Zukunft, der gezeigt hat: Wir müssen Lernen, Bildung und Schule dringend anders denken, wenn die Kinder und Jugendlichen von heute die Herausforderungen der Zukunft lösen und diese aktiv gestalten sollen. Kommunikation, Kritisches Denken, Kreativität und Kooperationsfähigkeit – das sind nur einige der Kompetenzen, die von jungen Menschen in Zukunft verlangt werden. Solche Kompetenzen können wir selbst in unsere Arbeit einfließen lassen, um gemeinsam innovative Lösungen im Schulbau vorantreiben. Aus dem Austausch aller Teilnehmenden nehmen wir deshalb viel mit: viel Gestaltungskraft, viel positive Energie, viel Willen und Bereitschaft, sich im jeweils eigenen Wirkungsbereich für neue Lösungen stark zu machen!