13. Oktober 2026; Von: Madita Lücker

„Schule ist das große Ding für Kinder und Jugendliche“ – Amy Kirchhoff im Interview

Schule ist einer der zentralen Lebensorte von Kindern und Jugendlichen. Sie verbringen dort einen erheblichen Teil ihres Alltags. Gleichzeitig werden die Potenziale von Schule als Raum für Lernen, Gemeinschaft und kulturelle Teilhabe bislang nur unzureichend genutzt. Für Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschüler*innenkonferenz, besteht genau hier ein wichtiger Hebel zur Stärkung schulischen Wohlbefindens.

Die Möglichkeit, den eigenen Schulalltag durch eigene Gedanken, Anliegen und Bedarfe zu prägen und so Selbstwirksamkeit zu erfahren ist in einer schulischen Welt essenziell, in der Leistungsdruck, Zukunftsängste, die weltpolitische Lage, Social Media, Desinformationen und Mobbing das Aufwachsen prägen. Wer unter diesen Bedingungen lebt und lernt, ohne sich einbringen zu können, bleibt passiv in Schule. Dabei könnte sie ein Ort sein, an dem Lernen als etwas „wahnsinnig Tolles“ erlebt wird, so Amy Kirchhoff. Mit ihren Erfahrungen aus jahrelanger Schüler*innenvertretung nimmt uns Kirchhoff mit in die Lebens- und Schulrealitäten von Schüler*innen und ihre Perspektiven auf das Thema „Schule als Wohlfühlort“.  

Madita Lücker: Bei der Online-Veranstaltung zum Schulbarometer 2026 von der Robert-Bosch-Stiftung hast du gefordert, dass Schule ein schöner Ort sein muss, wenn Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit dort verbringen. Was macht für dich einen schönen Ort aus? 

Amy Kirchhoff: Für mich persönlich macht einen schönen Ort aus, dass er Farbe hat, dass er warm und freundlich und dass er lebensfroh ist. Das sind Eigenschaften, die in ganz vielen Schulen fehlen. Ganz oft haben wir eine Stuhlbereihung, weiße Wände, keine Pflanzen, überhaupt keine wohnliche Gestaltung. Wenn ich nur von kargem Raum zu kargem Raum gehe und mich nirgendwo richtig beheimatet fühle, obwohl ich viele Stunden dort bin, dann kann ich mich auch nicht richtig wohlfühlen. Ein Aspekt von psychischer Gesundheit ist auf alle Fälle einfach das Wohlbefinden im Raum an sich. Und das heißt nicht, dass meine Vorstellung für alle gilt, sondern dass wir jede Klasse fragen, was braucht ihr denn? Genau da müssen wir hin, dass sich jede Klasse individuell in ihren Räumlichkeiten wohlfühlt.  

ML: Warum ist es wichtig, in der Schule die Form der Zusammenarbeit, des Zusammenlebens und der Kooperation durch Räume zu fördern? 

AK: Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Schule ist generell wichtig und kommt an vielen Stellen zu kurz. Das haben wir auch beim Schulbarometer gesehen, wo das erste Mal richtig erhoben wurde, dass sich Kinder in Schulen, die partizipativ arbeiten, in der Regel wohler fühlen als in Schulen, die weniger partizipativ arbeiten. Damit Kinder und Jugendliche sich wohlfühlen, müssen sie mitgestalten können – auch bei den Räumen. Dabei geht es nicht nur um Jugendliche, die ihre Vorstellung und Ideen sprachlich differenziert ausdrücken können, sondern auch um Kinder. Kinder können zum Beispiel etwas malen, wie sie sich Räume oder ihren Schulhof vorstellen. Natürlich lässt sich nicht alles umsetzen, wir können keine Einhörner züchten. Aber wenn ich als Schüler*in partizipieren kann, dann habe ich das Gefühl von Selbstwirksamkeit, und Selbstwirksamkeit ist einer der größten Faktoren, der unsere Resilienz stärkt.  

ML: Woran würde man erkennen, dass eine Schule dieses Ziel erreicht hat? 

AK: Indem man Schüler*innen fragt, ob sie gerne zur Schule gehen. Das ist eine ganz einfache Frage. Gehst du gern in dein Klassenzimmer? Gehst du gern zum Unterricht? Gehst du gerne in dieses große Gebäude? Eine Grundstandserhebung kann man sehr gut mit dieser Frage machen. Die meisten Schüler*innen würden das spätestens ab der Pubertät mit einem „Nein“ beantworten. Das ist traurig und ein Armutszeugnis für unsere Schulen, weil Lernen etwas wahnsinnig Tolles ist. Natürlich muss man auch mal was machen, was einem nicht so viel Spaß macht, aber wir müssen an den Punkt kommen, dass Schüler*innen sagen: Ich gehe gerne zur Schule, ich fühle mich da wohl, ich fühle mich da sicher und ich habe das Gefühl, ich kann mich mit Inhalten auseinandersetzen, die mich interessieren.  

Wir brauchen Schule als Ort für Resilienzbildung.

Amy Kirchhoff

Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz

ML: Die Welt entwickelt sich in einem schnellen Tempo. Um sich in ihr zurechtzufinden, an ihr teilzuhaben und sie mitzugestalten braucht es Gestaltungskompetenzen, die man in der Schule erlernt. Welche Fähigkeiten und Kompetenzen sind das für dich, die Schüler*innen befähigen „mitzugestalten“? 

AK: Große Frage. Wir brauchen Schule als Ort für Resilienzbildung. Resilienz ist ein großes Wort – es bedeutet am Ende einfach Widerstandsfähigkeit. Die AOK sagt, es ist eine mentale Superkraft. Das habe ich letztens auf Instagram gesehen und fand es sehr süß. So kann man es Kindern und Jugendlichen sehr gut vermitteln. Es geht darum, mental fähig zu sein, viele Dinge zu tun. Zum einen Sachen, die man direkt mit Resilienz verbindet, wie Stressmanagement, Konfliktbewältigung. Es geht aber auch darum, wie gehe ich mit der Welt um. In der Welt passiert vieles, es passiert schnell und vor allem passiert es in den sozialen Medien, in sozialen Netzwerken. Hier greift für uns die Forderung nach mehr Medienkompetenz. Wir lösen das Problem der Überforderung mit der Informationsflut nicht, indem wir Altersgruppen ausschließen. Das eigentliche Problem können wir nur lösen, indem wir Menschen befähigen, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Es macht keinen Unterschied, ob ich das Charlie-Kirk-Video mit 18 oder mit 84 sehe. Niemand sollte so etwas auf Social Media sehen. Da spannt sich der Bogen zur politischen Bildung. Es läuft viel Politik, Fake News, Wahlkampf über Social Media. Diese Fakten muss ich einordnen können. Wie sieht es tatsächlich mit Trump aus? Was macht er? Wie hängen Weltkonflikte zusammen? Welche News kann ich als richtig und falsch einordnen, auch in einem politischen Kontext? Am Ende des Tages führt politische Resilienz auch dazu, dass ich Meinungen aushalten kann, dass ich Debatten führen kann und dass dadurch der gesellschaftliche Zusammenhalt wächst und auch das Vertrauen in die Demokratie gestärkt wird.  

ML: In welchem aktuellen Zustand sind die Schulen, in denen diese Kompetenzen erlernt werden sollen? Bitte beschreibe in drei Begriffen, wie der Zustand aktuell ist. Und warum das so ist?  

AK: Mein erster Begriff ist desaströs. Wie ist der Zustand? Nicht gut! Warum ist das so? Weil Schulen kaputtgespart werden! Das sind die zwei Fakten. Wir haben einen desaströsen Zustand, und der ist und bleibt so, weil nicht genug Geld gegeben wird.  

ML: Auf eurem Insta-Kanal gibt es einen Post: „In deiner Schulzeit wird es dir nicht immer gut gehen. Es ist wichtig, dass du trotzdem durchhältst!“ Ist das eine Gefühlslage, die ihr bei vielen Schüler*innen seht? 

AK: Das wird uns an vielen Stellen zugetragen. Es geht viel mit dem Wohlbefinden einher. Und mit Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen. Die depressiven Episoden von 0-24-Jährigen sind während Corona deutlich angestiegen. Diese Zahlen sind in der Zwischenzeit nicht deutlich zurückgegangen, sie stagnieren eher. Das, was in Studien dazu erhoben wird, erfahren wir auch in der Praxis, wo Jugendliche zu uns kommen und sagen, mir geht es richtig schlecht – der Leistungsdruck, die Zukunftsängste, die weltpolitische Lage, Social Media, Mobbing … Es sind viele Faktoren, die da zusammenkommen und dafür sorgen, dass das Leben von sehr, sehr vielen Schüler*innen schwer ist. Daraus ist dieser Post entstanden. Er war vor allem gedacht, um Awareness zu schaffen im Sinne von: Wir sehen eure Probleme, wir kennen die Probleme und ihr werdet es trotzdem schaffen. Schule ist mein großes Ding als Kind und als Jugendlicher, es ist mein Hauptlebensort, oder ein sehr, sehr großer zweiter Ort. Trotzdem muss man ab und zu auch sagen, es ist in Ordnung, wenn nicht immer alles 100 Prozent läuft. Da brauchen wir Kinder und Jugendlichen ganz viel Unterstützung von außen, dass du als Mensch nicht weniger wert bist, wenn du schulisch nicht alles leistest.  

ML: Ihr habt am 30. Oktober 2025 einen Call to Action veröffentlicht und dabei die Krise der mentalen Gesundheit ausgerufen und mit der Aufforderung verbunden, systematisch Strukturen zu schaffen, die das Wohlbefinden von Schüler*innen stärken. Welche Rolle spielt der Schulraum für das Wohlbefinden?  

AK: Der Raum Schule ist essenziell, weil wir dort wahnsinnig viel Zeit verbringen. Deshalb unser Slogan zu diesjährigen Didacta: Schule muss zum Wohlfühlort werden! Da kannst du in ganz kleine Sachen gehen, wie Wände streichen und Pflanzen hinstellen, oder dahin, wie wollen wir den Unterricht tatsächlich gestalten. Auch das hängt natürlich mit der Raumgestaltung zusammen. Wenn wir sagen, wir wollen weg vom Frontalen und mehr zu Gruppenarbeiten, kann ich andere Tische kaufen, kann ich die Tische anders stellen? Gibt es feste Arbeitsplätze? Gibt es noch den Klassenraum? Es muss wirklich geschaut werden, mit welchem Unterricht arbeiten wir, wie arbeitet welche Klasse, was brauchen die Leute? Es ist per se ein essentieller Ort, weil genau da der Großteil vom Unterricht stattfindet – und der Großteil der Beziehungsarbeit.  

ML: Viele Schulen sind räumlich auf den Frontalunterricht ausgelegt. Wie stark prägt diese Struktur heute noch das Lernen und wie beeinflusst es Veränderungen?  

AK: Es gibt wenig Schulen, die das nicht haben. Meine Schule zum Beispiel ist ein altes Krankenhaus, das immer noch ähnlich aussieht: Gänge, von denen die Klassenzimmer und Räume abgehen. Es gibt Schulen, da kommt man rein und es könnte eins zu eins eine Gefängnisszene aus einem amerikanischen Film sein. Weil alles trüb, düster und karg ist. Das behindert Veränderung schon. Aber es ist nicht der Faktor, dass wir komplett neue Gebäude brauchen. Man kann auch aus dem rechteckigen Raum etwas Neues schaffen. Wir müssen den Frontalunterricht nicht von heute auf morgen abschaffen. Wir brauchen einfach mehr Formate. Auch ein Frontalunterricht kann offener und angenehmer gestaltet werden. Es sind kleine Veränderungen, die wir heute schon machen können. Wir sollten uns nicht einschränken lassen und einfach schauen, wie kann man den Raum neu nutzen? Dafür gibt es glücklicherweise auch Menschen, die das studiert haben und die sich genau damit auseinandersetzen, die man an Schulen holen kann, um zu gucken, wie können wir gemeinsam den Raum neu gestalten? Es ist keine Frage, dass das Geld kostet. Aber es ist Geld, das wir in die Hand nehmen müssen, um zu schauen, wie wir diesen Raum anders aufbauen, wie wir Unterrichtsformate anpassen und angenehmer gestalten können.  

ML: Wenn wir Schule als ganztägigen Bildungsort verstehen, welche Bedürfnisse gibt es im Schulalltag? Zum Beispiel nach Ruhe, Austausch, Bewegung?  

AK: Ruheräume sind ein gutes Stichwort. Was für uns aber auch essentiell ist und in das Thema mentale Gesundheit mit reinspielt, ist, dass wir Schulen nicht nur als zweite, sondern auch als dritte Orte verstehen. Wir haben nicht nur in der Bildung das Thema Kürzungen, Einsparungen und Absagen von Projekten, sondern auch in der Kinder- und Jugendarbeit und der sozialen Arbeit insgesamt. Das führt dazu, dass viele Nachmittagsangebote außerhalb von Schule wegfallen, dass Sportvereine sich nicht mehr so gut finanzieren können, die freiwillige Feuerwehr, Jugendklubs, Kulturräume, Kinderzentren. Persönlich würde ich am liebsten fordern, einfach mehr Geld reinzustecken. Aber wir müssen das aus der schul- und bildungspolitischen Sicht sehen. Da zählt es für uns, zu sagen: Wir haben diesen Raum Schule, da gibt es Räume, Materialien, einen Basketballplatz, einen Fußballplatz, einen Schulhof. Warum nutzen wir die nicht auch nach 16 Uhr? Warum schaffen wir nicht Strukturen, um in Schule soziale und Kulturangebote zu machen? Warum öffnen wir nicht die Aula? Wir haben diese Infrastruktur und wenn wir die Schule insgesamt öffnen, können natürlich auch andere Leute hinkommen. So können wir den Verlust von dritten Orten zumindest etwas ausgleichen.  

ML: Wo werden denn die Bedürfnisse nach Ruhe, Pause, nach Austausch und Bewegung erfüllt, wenn es räumlich keine Zonen dafür gibt? 

AK: Das ist auf alle Fälle ein Problem, wenn diese dritten Räume fehlen. Oft verlagert es sich ins Internet. Für viele ist das durchaus auch ein Ruheraum. Es muss nicht Instagram sein, es kann ein Film sein, eine Serie, ein YouTube-Video, was auch immer. Für viele ist es ein Ort der Sicherheit, dass man sich in diesen digitalen Raum zurückziehen kann. Gleichzeitig öffnet es Kommunikationswege. So schlimm digitale Medien sind und so krass wir auch auf Regulation achten müssen – wir dürfen nicht vergessen, dass es auch ein sozialer Raum ist, in dem man mit Leuten in Kontakt tritt und Beziehungen aufrechterhält. Genau da müssen wir schauen, dass das Jugendlichen nicht verwehrt bleibt, weil es auch eine Ressource ist. Es ist ein Ort, wo es sich hinverlagert, wenn man Jugendlichen keine anderen Räume gibt.  

ML: Welche räumlichen Veränderungen würden aus deiner Sicht den größten Hebel haben?  

AK: Toiletten sind ein wichtiger Punkt. Das belastet viele Schüler*innnen, dass sie nicht auf die Toilette gehen, nichts essen, nicht trinken, auch bei hohen Temperaturen im Sommer. Diese Grundbedürfnisse müssen abgedeckt sein. Auch Trinkwasserspender sind ein Thema. Das sind ganz grundlegende Sachen, die das Wohlbefinden drastisch steigern können.   

Jede Investition in Kinder und Jugend ist eine Investition in die Zukunft.

Amy Kirchhoff

Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz

ML: Was hindert Schulen aktuell aus deiner Sicht am meisten daran, Schüler*innen in ihrer Entwicklung zu unterstützen?  

AK: Ich glaube nicht, dass die Räume das größte Problem sind. Unser größeres Problem ist, dass wir keine Personen haben, die unterstützen können. Oft reicht es aus, wenn es eine Person gibt, die an einen Menschen glaubt, damit der anfängt, an sich selbst zu glauben. Lehrkräfte können tatsächlich als einzelne Person einen Unterschied machen. Deswegen fallen viele Kinder und Jugendliche runter, denen man gerne helfen würde, aber man hat nicht viel Zeit, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und nachzufragen: „Wie geht's dir? Was ist los?“ Obwohl genau das der Punkt wäre, wo aufmerksame Lehrkräfte entscheidend sein können, um Probleme frühzeitig zu erkennen. Am Ende des Tages brauchen wir auch hierfür Geld, wir müssen investieren. Und wir können nicht sagen, in zehn Jahren haben wir weniger Schüler*innen, deswegen ist das alles nicht so schlimm. Nein, wir haben jetzt kranke Schüler*innen, denen geht es jetzt schlecht und denen wird es auch im Berufsleben schlecht gehen. Es kann nicht sein, dass wir sagen, irgendwann haben wir weniger Schüler*innen. Dann brauchen wir trotzdem nicht weniger Lehrkräfte, sondern dann müssen wir an der Qualität schrauben, dann brauchen wir kleinere Klassen, dann brauchen wir individuellere Arbeit. Alles, was Wissenschaft und Schüler*innen und auch Lehrkräfte fordern, sind Dinge, die wir dann angehen können. Bildung kostet immer. Aber Bildung kostet nicht nur, sondern Bildung vervielfacht am Ende auch das Geld, das unser Land haben wird. Das müssen wir an vielen Stellen noch besser erkennen: Jede Investition in Kinder und Jugend ist eine Investition in die Zukunft.  

ML: Inwiefern erleben Schüler*innen heute, dass sie eigene Potenziale haben und die auch entwickeln dürfen? An welchen Stellen funktioniert das bereits? Und gibt es einen bestimmten Punkt, an dem dieses Gefühl vielleicht auch verloren geht?  

AK: Potenzialentfaltung ist das, was gerade viel hinten herunterfällt. Viele Schüler*innen gehen durch ihre komplette Schullaufbahn und haben nicht die Erkenntnis, dass sie ein Potenzial haben, das sie entfalten können. Spätestens ab der weiterführenden Schule geht es nicht mehr darum, was machst du gerne, sondern dann geht es um Leistung. An den Noten hängt dann auf einmal wahnsinnig viel Selbstwert. Wir beginnen, Kinder zu kategorisieren in 1 bis 6 oder 1 bis 15 ab dem Alter von sieben Jahren. Viele können damit gar nichts anfangen, was so eine Note heißt. Wenn man nicht dagegen arbeitet und sagt, das ist nicht das, was dich als Mensch ausmacht, kann das sehr stark belasten.  Es ist schwierig, aus diesen Kategorien auszubrechen. Es ist ein harter Kampf, den viele Schüler*innen verlieren: sich damit auseinanderzusetzen und zu sagen, Noten sind nicht, was mich ausmacht. Deswegen sagen wir: Wir sollten über das Thema Noten sprechen. Langfristig gesehen ist das kein Konzept, das wir aufrechterhalten sollten. Was es verbessern würde, wäre, wenn wir Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, ihre Entwicklungen zu entfalten und ihr Potenzial der Welt auch am Ende zu schenken, weil jedes Potenzial, das entfaltet wird, gibt der Gesellschaft etwas zurück. Die Debatte über Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialentfaltung zeigt auf, dass das System an sich, wie wir es gerade fahren, nicht mehr zeitgemäß ist. Und dass wir ganz grundsätzlich schauen müssen, wie können wir dahinkommen, dass Leute aus den Schulen rausgehen, die wissen, was sie wollen, die wissen, wofür sie stehen, die wissen, was ihre Werte und Normen sind. Das ist etwas, wo wir eine ganz große Strukturfrage aufmachen müssen.  

ML: Es gibt Schulen, die Kinder und Jugendliche auf die Gegenwart und die Zukunft vorbereiten, die es schaffen, durch pädagogische Konzepte, aber auch durch räumliche Gestaltung, die Persönlichkeitsentwicklung und Potentialentfaltung zu fördern. Was muss aus der Perspektive der Bundesschülerkonferenz passieren, um die guten Beispiele, die es jetzt schon gibt, in die Breite zu bringen?  

AK: Da gibt es erste Ansätze. Es gibt von der Robert-Bosch-Stiftung den Deutschen Schulpreis, der jedes Jahr Schulen mit exzellenten Schulkonzepten auszeichnet in verschiedenen Kategorien. Es gibt auch den Deutschen Lehrkräftepreis vom Philologenverband und verschiedenen Unterstützer*innen. Solche Schulen werden gerne als Leuchtturmschulen beschrieben und untereinander vernetzt. Was wir viel stärker machen müssen, ist, dass wir diese Netzwerke nicht nur für Preisträgerschulen haben, sondern sie nutzbar machen für andere Schulen. Dass man diese Konzepte anguckt und schaut, wie können wir das auf andere Schulen übertragen, was können wir uns „zusammenklauen“ aus verschiedenen Konzepten. Es muss nicht das eine Konzept sein, das man übernimmt. Wir müssen eine Möglichkeit finden, wie man es besser in die Breite bringt. Das müssen nicht einzelne Stiftungen oder Verbände sein, die sich diese Aufgabe zu Herzen nehmen, exzellente Projekte auszusuchen oder wie bei der Montag Stiftung die eigenen Beispiele zugänglich zu machen. Das könnte auch vom Bund gesteuert etwas in Richtung Datenbank sein. Es gibt die drei großen Schulen, die alle Leute kennen, zum Beispiel die Alemannen-Schule in Baden-Württemberg. Aber es gibt noch viel mehr Projekte und viel mehr Schulen. Da müsste man einen Baukasten zur Verfügung stellen mit Ideen, aus denen man sich für seine Schule das passende Lego-Projekt zusammenpacken kann.  

ML: Habt ihr als Bundesschüler*innenkonferenz das Gefühl, ihr werdet gehört, wenn es um die Gestaltung von Strukturen geht?  

AK: Es hängt immer vom Partner ab, mit dem wir zusammenarbeiten. Es steigert sich. Unsere Selbstwirksamkeit als Gremium wird größer. Dass mentale Gesundheit gerade so ein riesiges Thema ist, schreiben wir uns durchaus auf die Kappe. Vor uns hat dieses Thema niemand so großflächig bespielt und wir haben dieses Netzwerk aufgebaut aus Stiftungen, Verbänden und Krankenkassen, die alle sagen, das sind die Forderungen, die wir stellen. Wir sind inzwischen bei weit über 70 Leuten oder Organisationen. Das hat politisch definitiv einiges bewegt. Gleichzeitig ist es wie mit Jugendbeteiligung oft, dass man sagt, wir laden die Jugendlichen ein, die dürfen auch was sagen, und das ist ganz toll. Aber wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, treffen wir sie trotzdem nicht im Sinne dieser Lobby, die uns keine Wählerstimmen und auch kein Geld geben kann. Es ist oft eine Scheinbeteiligung. Trotzdem ist es gut, wenn wir da sind und unsere Meinung sagen können, weil wir doch im einen oder anderen Kopf und Herzen etwas bewegen können. Es macht einen Unterschied, ob wir im Familienausschuss im Bundestag sind oder nicht. Da sitzen wir jetzt, und es ist gut und richtig und es wird mehr werden. Gleichzeitig ist es noch ein langer Weg, wie wir tatsächlich in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse mit eingebaut werden können. Ich persönlich wäre ein großer Fan davon, wenn die Bundesschüler*innenkonferenz an den Punkt kommt, wo sie gefragt wird, um Strategien zu kommentieren, nicht nur in den Ausschusssitzungen sitzt, sondern auch in den Hinterzimmergesprächen, wo tatsächlich die Entscheidung getroffen werden.  

ML: Zum Schluss – gibt es eine Frage, die du noch nie gestellt bekommen hast, die du aber super gerne beantworten würdest?  

AK: Ja, ich wurde noch nie gefragt, was mein DemokraTier wäre. Es ist bei uns eine typische Wahlfrage: Wenn Demokratie ein Tier wäre, welches Tier wäre es und warum? Und ich habe die perfekte Antwort gefunden: Mein DemokraTier ist ein Otter. Otter haben ein sehr dickes Fell und eine sehr dicke Fettschicht, weil sie im Wasser leben. Und das ist wichtig für eine Demokratie, dass sie wehrhaft bleibt. Deswegen müssen wir uns auch eine dicke Fettschicht zulegen. Punkt 2: Otter sammeln ihre Lieblingssteine in ihrem kleinen Bäuchlein, wie lieblingspolitische Meinungen und Themen. Das ist bei mir politische Bildung und mentale Gesundheit. Auch sehr wichtige Themen für unsere Demokratie. Und drittens, Otter diskutieren richtig viel. Sie diskutieren alles aus, aber schlafen händchenhaltend, damit niemand abtreibt. Auch das ist wichtig, dass wir in der Demokratie eine Meinungsvielfalt haben und trotzdem zusammenkommen und uns festhalten, weil wir es nur gemeinsam besser machen können! 

Amy Kirchhoff

Amy Kirchhoff engagiert sich seit 2018 auf verschiedenen Ebene in der Bildungspolitik. Seit November 2025 bekleidet Amy Kirchhoff das Amt der Generalsekretärin der Bundesschüler*innenkonferenz. Sie hat im Sommer 2026 ihr Abitur an der Freien Werkschule Meißen abgelegt und wird sich bis November 2026 für die Anliegen der Schüler*innen auf Bundesebene einsetzen, insbesondere für die Themen politische Bildung und mentale Gesundheit.