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Frankfurter Pilotstandorte: Ganztag gemeinsam gestalten!

am 05. Januar 2022 | von

Neun Frankfurter Grundschulen und ihre Quartiere haben sich mit der Teilnahme an der Pilotierung des Gesamtkonzepts Ganztag auf den Weg gemacht, ihren Ganztag gemeinsam weiterzuentwickeln. Unterstützt werden sie durch eine Prozessbegleitung aus Pädagogik, Architektur und Organisationsentwicklung.

Auf diesen Tag hatte die Vorbereitungsgruppe des Pilotstandortes lange hingearbeitet. Nun war es endlich soweit: Es ist Donnerstag, der 7. Oktober, morgens um 9 Uhr. Treffpunkt ist die Kantine einer Frankfurter Grundschule in Frankfurt-Sachsenhausen. 22 Menschen aus dem Stadtteil sind zur ersten Quartierskonferenz zusammengekommen. Die Zusammensetzung der Gruppe ist heterogen: Vertreterinnen und Vertreter aus Schule und schulischer Betreuung, von Teilhabeassistenzen, umliegenden Horten, Eltern, Kinderhaus, Sportverein, Stadtbücherei, Unverpacktladen und einer Elterninitiative. Einige der Anwesenden kennen sich bereits, einige lernen sich heute neu kennen. Alle gemeinsam wollen sie sich darüber verständigen, was wichtig und erstrebenswert ist für ihren Ganztag im Quartier. Sie wollen Erwartungen klären und Vereinbarungen für die Zusammenarbeit treffen. Sie wollen darüber sprechen, wie Ressourcen geteilt werden können.

Schnell zeigt sich, dass die Teilnehmenden viele konkrete Vorschläge zur institutionsübergreifenden und multiprofessionellen Kooperation im Ganztag haben, doch es bislang an Kommunikationsstrukturen für die Vernetzung innerhalb des Quartiers fehlt. Die Idee, ein Padlet zu nutzen, wird eingebracht und gutgeheißen. Am Ende der ersten Veranstaltung wird ein neuer Termin für Frühjahr 2022 festgelegt.

Gesamtkonzept Ganztag

Die Maßnahme „Einrichtung einer Quartierskonferenz“ ist eine von insgesamt 47 Maßnahmen aus dem Gesamtkonzept Ganztag der Stadt Frankfurt. Das Gesamtkonzept Ganztag wird als kooperatives Projekt von Stadtschulamt und Hessischem Kultusministerium gesteuert, um ein einheitliches Ganztagsprogramm für die Stadt Frankfurt zu entwickeln. Ziel ist es, durch integrierte Systeme Bildungszugänge zu gewährleisten, ein stabiles Angebot für Grundschulkinder zu schaffen und damit einen Beitrag zu Teilhabe und Chancengerechtigkeit zu leisten. Darüber hinaus, um den steigenden Bedarf durch den Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für Grundschulkinder 2026 zu decken. Ausgangspunkt für das Gesamtkonzept ist der Integrierte Schulentwicklungsplan 2015-2019 (iSEP).

Der Beteiligungsprozess zur Entwicklung des Gesamtkonzeptes Ganztag liegt nunmehr drei Jahre zurück. Damals erarbeiteten etwa 180 Teilnehmende der Frankfurter Bildungslandschaft in zahlreichen Workshops das Gesamtkonzept Ganztag. Zentrales Augenmerk in der Konzeptentwicklung: die Bedarfe und Interessen des Kindes.

Thematisch umfasst das Gesamtkonzept Ganztag:

  • die Definition der Frankfurter Bildungsziele
  • Muster für Angebots- und Zeitstrukturen
  • Aspekte von Kooperationsmodellen
  • Anforderungen an bauliche Infrastruktur und Räume
  • Anforderungen an Schulverwaltung und -sekretariat
  • die Kosten für Eltern
  • die Finanzierung des Gesamtprozesses

Mit dem Jahr 2021 hat mit der zweijährigen Pilotierung die zweite Prozessphase des Gesamtkonzeptes Ganztag begonnen. Diese besteht aus einer 6-monatigen Konzepthase, einer 12- monatigen Erprobungsphase sowie einer 6- monatigen Auswertungsphase. Insgesamt neun Standorte nehmen an der Erprobung teil und pilotieren die Maßnahmen des Gesamtkonzeptes Ganztag.

Erkenntnisinteresse sind zum einen die individuellen Lösungen, welche die Akteurinnen und Akteure vor Ort – also Grundschulen und ihre Quartiere –  gemeinsam entwickeln; und zum anderen die damit verbundenen Aushandlungsprozesse, um den Ganztag qualitativ auszugestalten. In diesem Prozess werden die Pilotstandorte begleitet durch ein externes Team von Beraterinnen und Beratern. Der Beratungsansatz umfasst die verschränkte Betrachtung der drei Expertisen Pädagogik, Architektur und Organisationsentwicklung sowie die Stärkung der Selbstorganisation der Akteurinnen und Akteure vor Ort.

Dies beinhaltet auch die Umsetzung von Netzwerktreffen für die Pilotstandorte, die als gemeinsame Austausch- und Arbeitsformate den kooperativen Professionalisierungsprozess unterstützen.

Um ein auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtetes Raum- und Ausstattungskonzept zu entwickeln, ist es wichtig, alle Beteiligten vor Ort miteinzubeziehen: Akteurinnen und Akteure aus Schule und Ganztag und allen voran die Kinder. Auch auf der Ebene der Verwaltung sind neue Formen der Kooperation erforderlich: Schulträger und Schule tragen gemeinsam dazu bei, das gesamte Gebäude bestmöglich für den Ganztag nutzbar zu machen. Ziel ist es, integrierte Raumnutzungskonzepte zu entwickeln, die zum pädagogischen Konzept der Schule passen.

In der Pilotierung des Gesamtkonzeptes Ganztag unterstützen Expertinnen und Experten aus Pädagogik, Architektur und Organisationsentwicklung diesen Prozess. Vor Ort begleiten sie die Beteiligten in der Erprobung der Fragen: Welche Nutzungsanforderungen bestehen in einer modernen Ganztagsschule? Welche Zonierungen müssen berücksichtigt werden? Mit welchem Mobiliar können Räume nicht nur funktional, sondern auch reduziert eingerichtet werden, um leicht veränderbare Settings herzustellen?

Als Schulträger betrachten wir die Ausnutzung des Schulgebäudes für den Ganztag nicht additiv, sondern integriert. Das bedeutet eine räumliche Transformation: Neue Raumnutzungskonzepte entstehen, die allen Professionen der Schulgemeinde ganztägig zur Verfügung stehen. Dafür werden die Räume multifunktional ausgestattet. Verschiedene Lernsettings können so abgebildet werden und ermöglichen es den Kindern, die Räume orientiert an ihren Bedürfnissen zu nutzen.

Was wir als gut empfinden, ist nicht immer auch gut für die Kinder: An zwei Pilotstandorten haben die Kinder die Möglichkeit, multifunktional nutzbare Möbel zu testen, um eine gute Lernumgebung für sich zu schaffen, die ihrem Bewegungsdrang, ihrer Experimentierfreude und ihrem Wohlbefinden gerecht wird.

Neben der Ausnutzung des Schulgebäudes beschäftigt sich der Pilot auch mit den öffentlichen Räumen im Umfeld der Schule. Hier liegt die Herausforderung darin, gemeinsam mit Kooperationspartnern neue Raumbeziehungen und pädagogische Nutzungsszenarien für den Ganztag im Quartier zu entwickeln.

Wie wird der Ganztag 2026 aussehen?

Schulen und Quartiere sind dabei, diese Frage zu beantworten, wagen neue Schritte, probieren aus, präzisieren. Die grobe Richtung ist klar, die Wege dorthin werden gemeinsam im Rahmen des Gesamtkonzeptes Ganztag definiert. Für den Erfolg braucht es vor allem verlässliche Kooperationen und ein wertschätzendes Miteinander. Es braucht Engagement, Durchhaltevermögen und den Mut aller Beteiligten, sich auf Neues einzulassen. Ob Rhythmisierung, Kooperation oder multifunktionale Raumausstattung – gelingende Praxis wird dort stattfinden, wo alle Beteiligten die Ziele und Inhalte mitgestalten.

 

Erfahrungen des Frankfurter Gesamtkonzeptes Ganztag fließen auch in das neue Projekt der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, „Ganztag und Raum“ ein. Ziel des Projektes ist es, über Organisationsentwicklung sowie minimalinvasive bauliche Maßnahmen die vorhandenen Räume im Innen- und Außenbereich sowie im Quartier effektiver und nachhaltiger zu nutzen. Die Stiftung steht dazu unter anderem im Austausch mit dem Stadtschulamt Frankfurt, um die jeweiligen Erfahrungen und Erkenntnisse in den Pilotprojekten zu berücksichtigen.

 

Autorinnen:

Linda Schäfer ist Mitarbeiterin der Stabsstelle Pädagogische Grundsatzplanung des Stadtschulamtes Frankfurt und im Projekt „Gesamtkonzept Ganztag“ für den Bereich Kooperation und Kommunikation zuständig.

Marion Thierbach ist Mitarbeiterin der Stabsstelle Pädagogische Grundsatzplanung des Stadtschulamtes Frankfurt und betreut im Projekt „Gesamtkonzept Ganztag“ Maßnahmen zu Schulbau und Ausstattung.

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