Illustration: Max von Bock

Innovation, Nein Danke?

am 22. Dezember 2020 | von

Ein Beipackzettel für Beteiligungsprozesse und Innovation im Schulbau

Die alte Schule ist aus der Zeit gefallen: Der Schulbau wird sich, das ist inzwischen anerkannt, auf neue Lernrealitäten hin anpassen. Neben der Einbindung von Akteuren aus Planung, Politik und Verwaltung in anstehende Planungs- und Bauprozessen nehmen vor allem die Nutzerinnen und Nutzer der zukünftigen Gebäude dabei eine wichtige Stellung in den Beteiligungsverfahren ein. Was aber, wenn Beteiligte selbst aus der Zeit gefallen sind?

Kann Beteiligung veraltet sein?

So erlebt auf einer Exkursion im Rahmen eines Phase-Null-Prozesses: Gemeinsam mit einer Schule, die wir beraten, besuchen wir ein anderes Gymnasium, das bekannt ist für seine innovative Verschränkung von zeitgemäßem Lernen mit dem Um- und Neubau des Schulgebäudes zu offenen Lernlandschaften. Beteiligte und Mitreisende unserer Gruppe kommen aus Verwaltung, Planung, Kollegium, Eltern und Schülervertretung.

Wir starten mit einem Rundgang. Schülerinnen und Schüler der besuchten Schule führen uns durch das Schulgebäude, die Schulleitung berichtet über die in vielen Jahren erarbeitete neue Lehr- und Lernmethodik der Schule und deren Bezug zum räumlichen Arrangement. Da meldet sich eine Schülervertreterin der 11. Klasse aus unserer Gruppe zu Wort und wendet sich empört direkt an mich als Organisator der Exkursion: „Ich finde den Frontalunterricht an unserer Schule ganz hervorragend. Ich will überhaupt nicht anders unterrichtet werden. Herr Imhäuser will uns den Frontalunterricht wegnehmen!“

Was bedeutet es für den Prozess der Innovation, wenn das Neue und das Alte aufeinanderstoßen? Ist „veraltetes Denken“ ein Problem von und für Beteiligung? Verhindert es Neuerungen, wenn Beteiligte das Neue als Angriff auf ihre geschätzten Gewohnheiten auffassen? Diese Dynamiken zwischen dem Alten und dem Neuen begleiten jeden Prozess der Innovation.

Das Alte und das Neue, die Strenge und die Fantasie

Der bekannte Anthropologe, Biologe, Sozialwissenschaftler und Philosoph Gregory Bateson äußert sich in seinem Vortrag „Die Zeit ist aus den Fugen“ im Jahr 1978 zur Auseinandersetzung seiner Universität mit den Forderungen der Studierenden der 1968er-Generation und der Frage, wer und was veraltet, aus der Zeit gefallen, überholt sei. Er stellt fest: „Kommen Sie nicht auf die Idee, Fakultät, Verwaltung und Studienleitung seien allein veraltet, die Studenten dagegen klug, über den Dingen stehend, auf dem neusten Stand. Sie sind genauso veraltet wie wir. Wir sitzen alle in einem Boot, dessen Name ‚Erst 1978‘ ist, die aus den Fugen geratene Zeit.“[1]

Konservatismus wurzelt für Bateson darin, dass das Denken sich streng in alten, bekannten Mustern bewegt. Das Veralten hat jedoch noch einen anderen Aspekt. Natürlich muss es, wenn ein Teil eines kulturellen Systems ‚hinterherhinkt‘, auch irgendeinen anderen Teil geben, der sich ‚zu schnell‘ entwickelt hat. Das Veralten besteht in dem Kontrast zwischen den beiden Teilen. … Und das Paradoxon oder Dilemma, das uns verwirrt und aufbringt, wenn wir uns darauf einlassen, das Veralten zu korrigieren oder dagegen zu kämpfen, ist einfach die Furcht, Kohärenz, Klarheit und Vereinbarkeit, ja sogar geistige Gesundheit einzubüßen, wenn wir das Veraltete fahren lassen.“[2]

Bateson sieht die Dynamik, die wir in Innovationsprozessen beobachten, zwischen zwei Polen, der „Strenge“ im Denken und der vorauseilenden „Fantasie“. Dazwischen entsteht das Neue.

Perspektivenvielfalt ist die Realität

Übertragen auf unsere Exkursionen zu Schulen, die das Neue wagen und realisieren, wissen wir: Die Reaktionen der Besucher/innen bewegen sich genau zwischen diesen Polen. Unreflektiert fallen sie mehrseitig aus: von unkritischer Begeisterung (Seite der Fantasie) bis zu vorschneller Abwehr, von Unverständnis bis zu Nicht-Wissen-Wollen (Seite der Strenge).

Im Buch „Schulen planen und bauen“ haben wir dieses Set an Reaktionen beschrieben.[3] Dort sprechen wir noch von „Sehstörungen“, die sich zwischen den Kriterien „Neuigkeit“ und „Akzeptanz“ diagnostizieren lassen. Dabei ist es vielmehr die natürliche Vielfalt an Perspektiven, die jeden Beteiligungsprozess begleiten und antreiben.

 

Will man den Besuch konstruktiv nutzen, muss es gelingen, die Seite der Strenge durch produktive Fragen mit der Seite der Fantasie in Berührung zu bringen. Das erleichtert es, die Chancen und Risiken der Übertragung auf die eigenen Planungen zu diskutieren.

Beteiligung – mehr denn je

Beteiligung ist umso wichtiger, wenn die Gegenwart „aus den Fugen gerät“. In vielen durch Transformation geprägten gesellschaftlichen Spannungsfeldern sind heute neue Formen für Beteiligung ganz nach oben auf die Agenda gelangt. Diese sind eingebettet in den Kontext einer heterogenen und sich weiter divergierenden Gesellschaftsstruktur, in der die die Transformationen begleitenden Aushandlungsprozesse über die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, bearbeitet werden müssen.

Das gilt auch und besonders für die Bildung und den Bau von Schulen. Die Seite der Strenge ist in Beteiligungsprozessen dabei nicht als veraltet abzuwerten – schließlich rudern wir im gleichen Boot. Aber wir müssen über die bequemen, uns allen bekannten Muster von Schule hinausdenken, wenn wir Lösungen für die drängenden Anforderungen unserer Zeit entwickeln wollen. Wenn von der Seite der Fantasie der Funke nicht überspringt und wir die nötigen Innovationen verpassen, findet die Zukunft der Bildung woanders statt, jedenfalls nicht bei uns und ganz sicher ohne uns. Das wäre ein Armutszeugnis: für die Bildung und die Architektur in Deutschland.

[1] Gregory Bateson, Geist und Natur: eine notwendige Einheit, übersetzt von Hans Günter Holl, Frankfurt am Main 1987, S. 265 (Übersetzung wurde vom Verfasser leicht bearbeitet).

[2] Ebd., S. 269.

[3] Schulen planen und bauen 2.0 – Grundlagen, Prozesse, Projekte, hg. von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Berlin 2017, S. 239.

Grafiken: MJG

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