Meduxnekeag School, Woodstock, Kanada Foto: Lea Schanz, büro schneidermayer

Kanada: Wo das Curriculum der Individualität des Kindes entspricht

am 21. April 2016 | von

Ende März 2016 stand für das Projektteam „Raum und Inklusion“ eine weitere Auslandsreise an: Ziel war die Provinz New Brunswick im Osten von Kanada, Inklusions-Vorreiter seit den 1980er Jahren.

Ausgangspunkt der Studie „Raum und Inklusion“ ist die Frage nach einer Wechselbeziehung zwischen inklusiver Pädagogik und den Anforderungen an die räumliche Lernumgebung. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Montag Stiftung Jugend Gesellschaft gefördert. Ein Expertenteam aus Pädagog/innen der Universität zu Köln (Lehrstuhl für internationale Lehr-Lernforschung) und Architekt/innen und Planer/innen vom bueroschneidermeyer (Köln/ Stuttgart) besuchte im März fünf Schulen in der Provinz New Brunswick.

Bereits seit Mitte der 1980er Jahre wird Inklusion in New Brunswick mit einer großen Selbstverständlichkeit in Schule und Gesellschaft gelebt. Förderschulen wurden nach und nach geschlossen, um alle Kinder gemeinsam inklusiv zu unterrichten. Die Park Street School in Fredericton (Klassen 1-6) hat sich zum Ziel gesetzt, mit der Verschiedenartigkeit aller Schüler/innen umzugehen. Der Leitsatz des Schulleiters – „das Kind ist das Curriculum“ – steht für eine individuell auf jeden Schüler zugeschnittene Pädagogik und spiegelt sich in einem selbstständigen und selbstbestimmten Lernen sowie einer dynamischen Raumnutzung wieder.

Der Schultag beginnt für alle Kinder in ihrer jeweiligen Stammklasse und dem dazugehörigen Klassenraum. Danach arbeiten die Schüler/innen fächerweise in jahrgangsgemischten Lerngruppen, die sich nach dem Lernniveau der Lernenden zusammensetzen und alle sechs Wochen neu gemischt werden – Klassenräume werden in dieser Lernphase zu Fachräumen, jedes neue Fach bedeutet auch den Transfer in einen anderen Raum. Die eher beengte Raumsituation wird kompensiert durch streng getaktete und gut strukturierte Raumwechsel sowie die enge Begleitung der Schüler/innen durch ein multiprofessionelles Team, das sich zusammensetzt aus Regelschullehrkräften, pädagogischen Assistenten, Förderlehrkräften, Beratungslehrkräften, Psycholog/innen und Pflegepersonal.

Neben dem älteren Gebäudebestand der Park Street School besuchte das Team auch zwei Schulneubauten, die nach den in New Brunswick geltenden „Design Guidelines for Educational facilities“ geplant wurden. Dabei zeigte sich die Zusammenfassung der Klassenräume in jahrgangsweise Einheiten für Kindergarten, Elementary School und Middle School. Zwei zusammenschaltbare Klassenräume pro Trakt ermöglichen dabei veränderbare Raumgrößen sowie die Arbeit im Co-Teaching-Team. Jedes Klassenraumgefüge wird ergänzt durch eine Lern- und Differenzierungsnische, wo sich einzelne Schüler/innen oder kleinere Schülergruppen zurückziehen können und einen großen Multifunktionsraum, der für alle Klassen zur Verfügung steht. Fester Bestandteil jedes Trakts ist außerdem der sogenannte „Resource Room“ der gleichzeitig als Therapieraum für individuelle Förderangebote sowie als Büro- und Beratungsraum der Förderlehrkräfte dient. Alle Räume sind nach den Prinzipien des Universal Design gestaltet, Barrierefreiheit im Gebäude wird vorausgesetzt. Die Richtlinien der Provinz New Brunswick legen außerdem großen Wert auf ökologisches und nachhaltiges Bauen, so sind beide besuchten Schulen auch LEED zertifiziert.

Die Ergebnisse der Exkursion, die im Rahmen der von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft initiierten und gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Studie „Raum und Inklusion“ durchgeführt wurde, werden in der Publikation „Raum und Inklusion – Neue Konzepte für den Schulbau“ (Beltz 2018) vorgestellt.

 

Publikation „Raum und Inklusion“ erschienen

 

 

 

Lea Schanz, Dipl. Ing. für Architektur und Stadtplanung, begleitete seit 2013 im bueroschneidermeyer (Köln/ Stuttgart) eine Vielzahl verschiedener Schulen in der Phase Null auf dem Weg der Grundlagenermittlung zu einem zukunfts- und leistungsfähigen Schulbau. Sie war Teil des Projektteams „Raum und Inklusion“ im bueroschneidermeyer.

 

 

Foto: Lea Schanz, bueroschneidermeyer (Köln/ Stuttgart)

 

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