Abb.: Fraunhofer-Institut für Bauphysik, Stuttgart

Zukunftsraum Schule oder der langsame Abschied von alten Mustern

am 19. November 2015 | von | mit Keine Kommentare

Gedanken zum 4. Kongress ZUKUNFTSRAUM SCHULE des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart, an dem auch die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft als Förderpartner sowie mit zwei Vorträgen beteiligt war.

Der Schulbau steht in Deutschland in einem Spannungsfeld, in dem sich die Muster eines neuen Denkens und Handelns mit den etablierten Mustern der Vergangenheit überlagern. Das wurde auch in der Stuttgarter Carl Benz Arena beim 4. Kongress ZUKUNFTSRAUM SCHULE deutlich. Zukunftstrends, wie sie der Zukunftsforscher Prof. Gerhard De Haan in seinem Keynotevortrag aufgezeigt hat („Lernorte der Zukunft – Nachhaltige Bildungslandschaften als Option“) treffen auf eine lang tradierte Vorstellung von Schule, wie sie in vielen Köpfen der beteiligten Akteur/innen aus Planung, Architektur, Verwaltung und Pädagogik noch weit verbreitet ist.

Zukunft trifft auf Vergangenheit

Bezogen auf neue Raumorganisationsmodelle, wie sie sich als Notwendikeiten für zeitgemäße Formen des Lernens und Lehrens in der Breite zu verankern beginnen, wurden etliche aktuell bereits gebaute oder im Bau befindliche Bauvorhaben vorgestellt. Beispielhaft hierfür seien die Schulbauten angeführt aus dem Workshopbeitrag „Über die Pädagogik des Raumes“ von Prof. Tobias Wulf, Wulf Architekten GmbH, Hochschule für Technik, Stuttgart. Anhand von zwei Beispielen – einer gerade fertig gestellten Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, die Evangelische Jakobusschule, sowie den Entwürfen für vier Grundschulen in Modulbauweise für die Stadt München – zeigte er die Lernhaus- und Clustertypologie, die in der Praxis beginnt, die Klassenraumflurschule abzulösen.

Auf der anderen Seite des Gegenwartsspektrums steht eine gerade neu herausgegebene Richtlinie des Fraunhofer-Institut für Bauphysik, „Akustik in Lebensräumen für Erziehung und Bildung“. Hier fehlt ausgerechnet eine Orientierung für die Akustikanforderungen neuer Typologien wie Clusterlösungen oder offene Lernlandschaften als den neuen zentralen allgemeinen Lernbereichen. Stattdessen heißt es unter dem Kapitel „Gestaltungshinweise für Neubau und Sanierung“ in Bezug auf Schulen: „Der zentrale Arbeitsbereich und Lebensraum in Schulen ist das Klassenzimmer. (…) Hinsichtlich Störungsarmut von außen stehen auch hier die Schalldämpfung der Türen zum Flur und benachbarter Klassenräume im Fokus“.

Mit anderen Worten: Klassenraum und Flur bleiben als zentrale Bezugsgrößen im Blick, ohne die sich vollziehenden Veränderungen, die gerade in dieser Frage eine Orientierung benötigen, entsprechend zu berücksichtigen. Hier wird es leider versäumt, für den neuen Umgang mit Verkehrsflächen, die zunehmend bei Baumaßnahmen im Bestand wo immer möglich in Lernflächen umzuwandeln bzw. bei Neubauten entsprechend von Anfang an anders zu konzipieren sind, eine zeitgemäße Regulierung dieses Sachverhalts vorzugeben.

Die Kostenfrage und die Phase Null

In einem weiteren Keynotevortrag sprach Prof. Dr. Fritz Berner von der Universität Stuttgart über „Kostensteigerungen bei öffentlichen Bauvorhaben“: Nach den Ergebnissen einer aktuellen Forschungsstudie seines Lehrstuhls resultieren die Ursachen für Baukostensteigerungen zu 70% aus der Trennung zwischen Planung des Bauvorwerks und der Verantwortrung für die bauliche Umsetzung; zu 58% resultieren sie direkt aus Defiziten der Planungsphasen:

  • mangelhafte Grundlagenermittlung
  • fehlende Planungstiefe – Baubeginn vor Fertigstellung der Planung
  • nicht abgestimmte Schnittstellen zwischen Projektbeteiligten
  • fehlende Erfahrung der für die Projektabwicklung zuständigen Personen

Genau an diesen Defiziten setzen wir in den Montag Stiftungen mit dem Konzept der Planungsphase Null an. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt Barbara Pampe in ihrem Vortrag „Pilotprojekte zur Phase Null – Fünfmal Phase Null“ im Workshop „Schulbau integral“. Sie zeigte mit den gemeinsamen Mustern hinter den jeweils ortsspezifischen Planungsprozessen konkrete Ergebnisse aus fünf Phase-Null-Projekten. Die Dokumentation dieser Projekte sind jetzt auch in einer Broschüre öffentlich zugänglich. (Download)
Insgesamt hat der Kongress bestätigt, wie groß der Paradigmenwechsel ist, der sich im Schulbau aktuell vollzieht – und wie groß die Herausforderungen sind, vor denen die gewachsenen Strukturen aller am Schulbau beteiligten Stellen in diesem notwendigen Veränderungsprozess stehen.

Programm des 4. Kongresses Zukunftsraum Schule

Abstracts der Vorträge von Karl-Heinz Imhäuser und Barbara Pampe

 

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