Anlässe: Warum der Schulbau neue Impulse braucht

Warum der Schulbau neue Impulse braucht

Die Kommunen stehen als Schulträger heute vor einer großen Herausforderung: die öffentlichen Kassen sind leer, in allen Bereichen fehlt es an Mitteln. Gleichzeitig nimmt der Druck zu, erhebliche Summen in den Schulbau zu investieren.

Was spricht dafür, dem Thema Schule eine so hohe Priorität einzuräumen? Welche Anlässe gibt es, gerade jetzt für eine neue Kultur des Planens und Bauens von Schulen einzutreten? Im Folgenden werden zentrale Argumente aufgeführt, die die Forderung nach einem neuen Verständnis von Schulbau unterstreichen.

Bildung ist Menschenrecht

„Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung“ (Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte). Diese Forderung müsste in unserem Land eigentlich selbstverständlich sein – sie ist es aber keineswegs. (…) Bildungsbenachteiligung ist Resultat unzureichender Konzepte und fehlender Anstrengung, die eine Gesellschaft für diesen Sektor übernimmt. Natürlich lässt sich Bildung nicht durch vermehrte Bauanstrengungen allein sichern. (…) Die präzise Definition der pädagogischen Anforderungen an künftige Schulbauten und eine qualitätvolle Umsetzung in zukunftsfähige architektonische Konzepte sind dabei aber zweifellos wesentlich.

Inklusion ist Bildungsrecht

Deutschland hat der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die in der UN-Vollversammlung am 13. Dezember 2006 verabschiedet wurde, zugestimmt und damit einen tief greifenden Systemwechsel eingeleitet. (…) Die Umsetzung einer inklusiven Beschulung steht in Deutschland erst am Anfang. Sie wird zu einem deutlichen Anstieg der Heterogenität in Schulklassen führen und damit zu einer Schülerschaft, die differenziert betreut und gefördert werden muss. Dafür sind sowohl bessere Personalschlüssel als auch angemessene räumliche Bedingungen zu schaffen.

Bildung als zentraler Produktionsfaktor

Mit der Entwicklung von der Industrie- zur Wissensgesellschaft hat sich der Stellenwert von Bildung nicht nur erhöht, sondern auch substanziell und strukturell erweitert. Bildung ist ein wichtiger Produktionsfaktor für die Volkswirtschaft geworden. Investitionen in Bildung „lohnen“ sich: Die Folgekosten von Nicht- Bildung sind bedeutend höher geworden als die Kosten für Bildung. (…) Das ökonomische Argument wiegt umso schwerer, wenn man bedenkt, dass Deutschland angesichts seiner Rohstoffarmut entscheidend auf Bildung setzen muss, um im Weltmarkt zu bestehen.

Bildung als Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft

Die Einsicht inner- und außerhalb der OECD wächst, dass Bildung jenseits ihres wirtschaftlichen Mehrwerts die Voraussetzung für soziale Kompetenz, Gemeinsinn, Verantwortung und Integrationsfähigkeit im Zusammenleben eines Staates wie einer Stadt ist. In diesem erweiterten Bildungsbegriff muss sogar eine grundlegende Bedingung gesehen werden, damit demokratische Gesellschaften sich entwickeln und erfolgreich bestehen können. (…)

Bildung als Standortfaktor

Die Qualität der Bildungsversorgung stellt einen zunehmend wichtigen Standortfaktor für die Stadt- und Regionalentwicklung dar. Bereits heute haben die Bildungsangebote einer Stadt und Region einen großen Einfluss auf die Wahl von Wohnort und Firmenstandort. (…) Gute Schulen werden als wichtiger Faktor im Wettbewerb um Neubürger, insbesondere qualifizierte Arbeitnehmer/innen und Wirtschaftsbetriebe erkannt. (…) Gerade unter diesem Gesichtspunkt sind kommunale Aufwendungen für den Schulbau nicht als Kosten, sondern als Investitionen zu bewerten.

Schule als städtebauliche Ressource

Angesichts der engen finanziellen Spielräume in den öffentlichen Haushalten müssen Schulen ihre ökonomische Effizienz deutlich steigern. (…) Mit Mehrfach- und Mischnutzungen, wie sie zum Beispiel bei Kulturbauten längst praktiziert werden, kann die Infrastruktur besser ausgelastet und die Schule vitalisiert werden. (…) Dabei ist darauf zu achten, dass die Öffnung mit dem schulischen Primärauftrag vereinbar ist. Auch die Schule ihrerseits wird sich vermehrt der städtischen Öffentlichkeit zuwenden und außerschulische Lernorte nutzen und mitgestalten. Von einer gegenseitigen Nutzung und Vernetzung der Strukturen von Schule und öffentlichem Raum können beide Seiten profitieren.

Demografischer und struktureller Wandel

(…) Die Annahme, durch den demografischen Wandel würden Schulen weniger Fläche benötigen, trifft nicht zu. Im Gegenteil: Es sind zusätzliche Flächen erforderlich. Dieser Bedarf besteht allerdings nicht überall, sondern ist lokal sehr unterschiedlich. (…) Diese breiten Schwankungen lassen also keine allgemeingültige Aussage zu und machen eine präzise Entwicklungsprognose vor Ort erforderlich. Hinzu kommen schultypenspezifische Differenzierungen – die unterschiedliche Nachfrage nach den einzelnen Schulformen führt zu Ungleichgewichten innerhalb einer Kommune und macht Neuordnungen zwingend erforderlich. Auch strukturelle Veränderungen wie der Umbau der Schulformen und der Ausbau der Ganztagsschulen haben unmittelbare Auswirkungen auf den Schulbau. (…) Schulbauplanung kann daher nicht mehr losgelöst für den Einzelstandort betrachtet werden, sondern muss sowohl aus einer pädagogischen wie aus einer kommunalen und regionalen Perspektive erfolgen (integrierte Schulentwicklungsplanung).

Paradigmenwechsel in der Pädagogik

An den deutschen Schulen vollzieht sich weiterhin – in unterschiedlichem Tempo – ein grundlegender pädagogischer Paradigmenwechsel. Individuelle Förderung und Inklusion, Rhythmisierung des Unterrichts und Ganztagsschule, aktivierende Lern- und Lehrformen, Teamarbeit der Pädagogen – so lauten nur einige Stichworte, die den Wandel markieren (…). Eine solche Schule fordert nicht nur von den Pädagog/innen und den Akteur/innen auf allen administrativen Ebenen der Bildungssteuerung und -verwaltung ein tief greifendes Umdenken, sondern auch von den Architekt/innen.

Veränderte räumliche Konzepte

Viele Grundrisse für den Schulbau stammen noch aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert und passen heute nicht mehr. Keine Wohnung, kein Büro, keine     Fabrik wird heute mehr so gebaut wie vor 100 Jahren. Mit dem Wandel von Schule zum Lern- und Lebensort weitet sich das Spektrum der schulischen Aktivitäten aus und erfordert auch räumlich veränderte Konzepte, die auf die neuen pädagogischen und städtebaulichen/stadtplanerischen Voraussetzungen reagieren. (…)

Energetische Verbesserung und Nachhaltigkeit

(…) Die energetische Verbesserung der Schulen sollte auch im städtebaulichen Kontext gesehen werden: Lage und Energieverschleiß, etwa durch lange Schulwege, bedingen sich. In einer Gesamtenergiebilanz sind eine gute Versorgung auf engem Raum und das nahe Nebeneinander der Alltagsfunktionen aus ökologischer und ökonomischer Perspektive heraus konkurrenzlos. Es bleibt eine große Herausforderung für eine Kommune, die unvermeidlich notwendige bautechnische und energetische Erneuerung ihrer Schulen mit der überfälligen „pädagogischen Sanierung“ zu koppeln.

Überholte Richtlinien und Standards

(…) Dem Gedanken generalisierender Richtlinien steht die Maßgabe gegenüber, dass sich alle Schulen durch ein eigenes pädagogisches Profil auf dem Bildungsmarkt platzieren sollen – eingebunden in die spezifischen lokalen Gegebenheiten einer kommunalen/regionalen Bildungslandschaft. Danach erscheint es evident, dass – wie bei fast allen anderen Bauaufgaben auch – für jedes Schulbauprojekt spezifische Nutzungsanforderungen zu erheben und individuell daran ausgerichtete und flexibel fortschreibare Raum- und Organisationskonzepte gemeinsam von allen Beteiligten zu erarbeiten sind. (…).

 

(Text: Gekürzte Auszüge aus „Schulen planen und bauen – Grundlagen und Prozesse“, Kapitel I)

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