Gruppenraum, Lernhaus im Campus, Osterholz-Scharmbeck. Foto: Steffen Fuchs, HeidelbergCement AG Lernhaus im Campus, Osterholz-Scharmbeck. Foto: Steffen Fuchs, HeidelbergCement AG

Schulentwicklung trifft Schularchitektur

am 14. Juni 2016 | von

Bei unserer Veranstaltung »Phase Null im Schulbau« sprach Jörg Fanelli-Falcke aus der Perspektive eines Stadtbaurates über Faktoren für eine gelingende Projektentwicklungsphase am Beispiel des Bildungs-Campus in Osterholz-Scharmbeck.

Eine demokratische Gesellschaftsstruktur kann auf Dauer nur auf Basis einer guten Bildung für alle existieren. Kommunen haben hierbei eine weitaus größere Verpflichtung, als nur die Schulgebäude zur Verfügung zu stellen. Mit dem 2015 fertiggestellten Campus hat Osterholz-Scharmbeck Bildung im Kontext von Stadtentwicklung neu gedacht.

Ausgangspunkt war das 2007 entwickelte integrierte Stadtentwicklungskonzept der niedersächsischen Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck, in dem als zentrales Ziel die Steigerung der Attraktivität als Bildungsstandort festgeschrieben wurde. Bereits 2005 war ein hoher Sanierungsbedarf bei der örtlichen Realschule festgestellt worden. Statt hohe Summen in den Erhalt des Status quo zu investieren, nutzte die Stadt als Schulträger die Chance, die räumlichen Voraussetzungen für die Umsetzung neuer Bildungsmodelle zu schaffen. Die Grundidee war eine Verbesserung der Qualität der Bildungsangebote durch den Neubau einer Schule mit einem außergewöhnlichen pädagogischen und architektonischen Konzept. In der Vernetzung mit Partnern in der Kommune sollte sie für alle sozialen Gruppen attraktiv und gut erreichbar gemacht werden, um Räume und Strukturen für ein bürgerschaftliches Engagement zu schaffen.

Ein zukunftsorientiertes Bildungs- und Begegnungszentrum

Auf dem rund 4 Hektar großen innenstadtnahen Gelände am Barkhof entstand zwischen 2010 und 2015 ein rund um einen Campusplatz angesiedeltes Gebäudeensemble. Kern des Campus ist die neue Oberschule „Lernhaus im Campus“, die aus dem Zusammenschluss von Real- und Hauptschule entstanden ist. Im Mittelpunkt des neuen Schulkonzepts steht ein selbständiges und kooperatives Lernen. Voraussetzung dafür ist die Raumgestaltung: Ein großer Teil des Lernens findet in jahrgangsbezogenen Lernlandschaften statt, in denen alle Schüler/innen sowie die Lehrkräfte ihren eigenen Arbeitsplatz haben. Das gegenüberliegende „Medienhaus im Campus“ enthält die Mensa für die Oberschule und das benachbarte Gymnasium und bündelt die Angebote der Bibliothek und weiterer Medieneinrichtungen. Schließlich wurde ein Bestandsgebäude zum „Bildungshaus im Campus“ umgebaut. Das Bildungshaus kombiniert das Weiterbildungsangebot der Volkshochschule mit niedrigschwelligen Beratungs- und Begegnungsangeboten.

Architektur folgt inhaltlichen Konzepten

In der Phase Null ging es um die Zusammenführung von zwei Schulen unter einem gemeinsamen pädagogischen Konzept in einem neuen Baukörper. Das pädagogische Konzept der Oberschule wurde in einem Beteiligungsverfahren mit Lehrkräften, Eltern und Schüler/innen sowie der Stadt entwickelt. Auch die Landeschulbehörde war vertreten. Begleitet wurden der Prozess in der Beratung durch einen engagierten Moderator und einen Architekten. Auch im Bauverfahren und bei der Innenausstattung waren alle Beteiligten eingebunden.

Aus der Phase Null heraus in den Umsetzungsprozess zu gelangen und die Beteiligung in der Bauphase weiterzuführen ist eine große Herausforderung und verlangt von allen großes Verständnis für die Abläufe eines komplexen Vorganges und Geduld und Vertrauen in das Gelingen. Die intensive und zeitaufwendige Arbeit am Anfang wird in der Bauphase und in der folgenden Benutzung des Gebäudes belohnt und der Arbeitsprozess macht wirklich Spaß für alle, die sich auf etwas Neues einlassen können. Am Anfang stand eine Vision — jetzt steht der Campus.

Ein überzeugendes Ergebnis

Der Campus spricht mit der Vielfalt seiner Angebote, dem neu gestalteten öffentlichen Raum und der Transparenz und Barrierefreiheit der Gebäude einen breiten Nutzerkreis an. Architektur und Raumstrukturen werden zum dritten Pädagogen. Erste Beispiele zeigen bereits das Potential des Campusnetzwerks zur besseren Unterstützung von Kindern und Jugendlichen und zur Förderung von bürgerschaftlichem Engagement. Das erweist sich bei der gegenwärtigen Herausforderung der Integration von geflüchteten Menschen als besonders hilfreich.

Weitere Informationen zum Lernhaus auf dem Campus finden Sie auf der Seite der Stadt Osterholz-Scharmbeck: www.osterholz-scharmbeck.de

 

Sie wollen tiefer in das Thema eintauchen?

Um unsere Erfahrungen weiterzugeben und mit renommierten Expert/innen und Praktiker/innen über neue Wege in der Schulentwicklung und der Schularchitektur zu diskutieren, laden wir ein zum Campus-innovativ Fachtag „Schulentwicklung trifft Schularchitektur“ am 28.-29. September 2016 in Osterholz-Scharmbeck. Mit ausgewiesenen Experten, u.a. von der Stiftung Baukultur und der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. In Vorträgen und Workshops werden folgende Themenschwerpunkten diskutiert:

  • Phase Null: Planungs- und Findungsprozesse mit Schule, Eltern, Schulträger, Politik, Planern*
  • Entwurfsabstimmung – Finanzierung – Prozessplanung
  • Pädagogische Architektur
Jörg Fanelli-Falcke, Dipl.-Ing. für Architektur und Stadtplanung, ist seit 2016 ehrenamtlicher Campusbotschafter der Stadt Osterholz-Scharmbeck. Bis September 2015 war er als erster Stadtrat und Stadtbaurat bei der Stadt Osterholz-Scharmbeck tätig.

 

 

Foto: Gruppenraum, Lernhaus im Campus, Osterholz-Scharmbeck
Architektur: Kister Scheithauer Gross + Feldschnieders + Kister
Fotograf: Steffen Fuchs, HeidelbergCementAG

 

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